The Cross

Metal Star, 1990

Kreuze sind aus irgendeinem Grund außerordentlich symbolträchtig. Man denke nur an Black Sabbath mit ihrem 'headless cross' oder an den legendären ZZ Top-Auftritt im WDR-Rockpalast, währenddessen Billy Gibbons über 'the black cross, the green cross, the southern cross' und schließlich 'the cocaine cross' nicht so ganz ernstgemeint sinnierte. Mit all diesem hat das Kreuz, das Queen-Schlagzeuger Roger Taylor gern mit sich 'herumträgt', nichts gemein, er mag das Ganze lieber als eine Art stilübergreifenden Titel verstanden wissen. Mit einem deutlichen Bekenntnis zum Hard-Rock wie "Mad: Bad: And Dangerous To Know", das laut Roger Taylor "erste richtige Album von The Cross", eindeutig belegt. Schon 1981 nahm der königlichen Majestät Fellegerber ein erstes eigenes Werk ("Fun In Space"), und drei Jahre später ein zweites ("Strange Frontier") auf. Gar nicht so übel, wenn man während der mittlerweile immer länger werdenden Queen-Pausen auch mal was eigenes zu tun hat. Doch irgendwie war's das noch nicht. Gastmusiker hin oder her, dem Manne stand der Sinn nach einem eigenen Hofstaat in Form von ernstzunehmenden Musikern innerhalb einer Band-gemeinschaft.

Gewillte Musikanten gab's wie Sand am Meer, jeweils runde zwanzig an der Zahl. Allesamt machten sie sich auf den Weg zur Audition beim großen Unbekannten. Schließlich stand die Formation, die nicht etwa den artverwandten Namen The Crown tragen sollte, sondern The Cross. Heraus kam dabei Anfang 1988 die LP "Shove It", die so manchem von uns noch einigermaßen schwer im Verdauungstrakt liegt, war sie doch überwiegend pop-orientiert. Doch mittlerweile ist aus des Königs Kreuz einewaschechte Band geworden. Ein Fünferteam, bestehend aus Mr. Roger Taylor, der die Gitarre fortan nur noch zum Komponieren benutzt und sich bei The Cross somit voll und ganz auf den Gesang konzentriert, jedenfalls, wenn es um Live-Aktivitäten geht, Clayton Moss, seines Zeichens Lead-Gitarrist, Spike Edney an den Tastaturen, Viersaiter, sprich Bassist Peter Noone und Schlagzeuger Josh Macrae. Gestatten, Noone und Taylor melden sich zum Interview.

Nicht ohne vorherigen Hinweis der Plattenfirma, man möge doch nicht zuviel über Queen fragen. "Genau", meint Roger, "Du glaubst gar nicht, wie viele Leute, die mit mir Interviews machen, fast nur Dinge über Queen fragen. Hinterher gibt es oft Artikel, in denen nur beiläufig erwähnt wird, 'daß Roger Taylor auch in einer anderen Band spielt, die The Cross heißt'." Natürlich nicht Sinn der Sache. Erst recht dann, wenn laut Gerüchten das Verhältnis Mercury/TayIor recht gestört sei und Queen offenbar nicht mehr live auftreten wollen. Ich erinnere mich noch an die '88er Club-Tour, bei der nicht wenige Fans von The Cross das eine oder andere Queen-Stück erwarteten. "Darauf kann man lange warten", meinen Roger und Peter im Duett, "es ist ein bißchen verrückt, das zu tun." Peter ergänzt, "daß es diesmal wohl ein wenig anders aussehen wird. Immerhin sind zwei Jahre vergangen, und The Cross sind jetzt eine richtige, eigenständige Band." Was Anfang '88, als "Shove It" erschien, ja nicht der Fall war: Erstens klang speziell der Titelsong doch deutlich nach Queen, zweitens dachten die meisten zunächst einmal, es handele sich bei The Cross um so etwas wie Robert Taylors Session-Band. "Da hast Du vollkommen recht", meint Roger. "Es war auch insofern anders, als daß 'Mad: Bad: And Dangerous To Know' das erste richtige Cross-Album ist, das aus uns Fünfen heraus entstand. Wir denken im Grunde genommen darüber so, als wenn es unser Debüt-Album ist." Weht demzufolge daher der Wind der musikalischen Veränderung? Immerhin war "Shove It" wesentlich poppiger, "Mad: Bad: And Dangerous To Know" hingegen ist zwar auch noch sehr melodisch, ist aber doch im Grunde ein (Hard)-Rock-Album mit deutlichen Blues-Wurzeln und obendrein sehr viel mehr gitarren betont. "Zur Zeit, als 'Shove tf entstand", berichtet Peter, "hat Roger auch noch ganz anders, mit vielen Samplings und so gearbeitet. Wir entschieden uns, auf diesem Album davon Abstand zu nehmen. Als Band haben wir sehr viele Sachen ausprobiert: Wenn irgendwer eine Idee hatte, dann hieß es 'okay, komm nach vorne und play that mother'. Ich glaube, dadurch entstand automatisch ein größeres Live-Feeling...". "Und wir haben so gut wie alles live eingespielt", ergänzt Roger, "bis auf die wenigen spärlichen Synthesizer, als Overdubs. Keine Sequenzer, keine drummachines, keine Click-Tracks-.kein.. no crap, real stuft." Was sich nach Peters Meinung auch sehr positiv auf künftige Live-Gigs der Band auswirken wird, "denn wir sind richtig gut aufeinander eingespielt und brauchen uns überhaupt keine Gedanken mehr zu machen, ob wir nun dieses oder jenes triggern, wir spielen auf der Bühne einfach los." So suchten The Cross denn auch von den 26 Titeln, die für das Album geschrieben wurden, die elf aus, die während der Live-Proben in Montreux am besten kamen. Inklusive Jimi Hendrix' "Foxy Lady", Bonus-Track für die CD. "Roger schlug das vor", erzählt Peter. "Wir spielten ihn einfach mal, weil wir ihn alle sehr gut finden. Als wir dann die Aufnahme hörten, da dachten wir, okay, laß uns den mal richtig aufnehmen. Wir spielten ihn dann nochmal, alles eine ganze Idee lauter eingestellt als bei den anderen Songs, und das war's. Ich mein', wenn man einen Hendrix-Song spielt, dann muß das laut und live passieren." "Und es ist einer dieser großartigen Hendrix-Klassiker, die" nach Rogers Meinung "leider in Vergessenheit gerieten. Mir ist das schon sehr oft aufgefallen, daß viele jüngere Leute (RogerTayIor istmittlerweile 41 -Anm. Verf.) diesen Song überhaupt nicht kennen. 'Purple Haze'oder 'Hey Joe' schon. Ich finde, 'Foxy Lady wurde damals nicht so optimal aufgenommen wie viele andere Hendrix-Tracks. Für uns war es eine schöne Sache, diesen Song neu aufzunehmen", der dann aber 'nur' als Bonus-Track in Frage kam, "weil wir dafür nicht einen unserer eigenen Songs von dem Album nehmen wollten." Wenn nicht gewidmet, so ist das Album doch in einer gewissen Weise verbunden mit einem Herrn namens Lord Byron, und damit ist mitnichten etwa der Großvater des ehemaligen Uriah Heep-Sängers David Byron gemeint. "Dieser Byron," so klärt uns Roger auf, "war ein verdammt dekadenter und exzentrischer Knabe und einer der bedeutendsten britischen Schriftsteller seiner Zeit. Er galt als sehr unbequem, weil er ständig an gesellschaftlichen Normen herumnörgelte, und schon bald hatte er deshalb den Ruf 'Mad: Bad: Dangerous To Know' weg. Deshalb verließ er schließlich England" und weilte dann in Schloß Chillon am Ufer des Genfer Sees, "wo man ihn sozusagen von der Öffentlichkeit weitgehend fernhielt," wie uns Peter verrät. "Roger las über ihn ein Buch, und so kamen wir auf diesen Titel, denn dieses Schloß Chillon, das ist nur etwa zwei Meilen entfernt von den Mountain-Studios gelegen. Er galt in den sogenannten etablierten Kreisen als außerordentlich negativ, und so geht es Musikern ja auch häufiger." Hat sich denn das Wesen oder bestimmte Merkmale dieser Person auch in den Texten von The Cross in irgendeiner Form niedergeschlagen? "Nein", meint Peter lachend, "höchstens in meinen Klamotten", die in der Tat - sagen wir mal - 'barock' ausfallen. Im Vergleich zu den früheren Queen immer noch 'harmlos', denn, so erzählt Roger, "Anfang der Siebziger haben Queen ja sogar Kleider getragen. Das hat uns damals einen Riesenspaß gemacht, denn wenig später liefen viele Leute so ähnlich auf der Straße herum. Damals war das für viele Leute richtig schockierend, heute sind wir da herausgewachsen." Klar, als Musiker ist es bekanntlich schon sehrwichtig, sich optisch und musikalisch zu verändern, wenn man über Jahrzehnte an vorderster Front mitmischen will. "Es sei denn, man heißt Status Quo", meint Peter, "die können immer das gleiche machen, und es wird trotzdem nie langweilig." Aprospos 'Langeweile': Ist es für The Cross nicht manchmal schwierig, wenn Roger - so wie 1988 von April bis Jahresende - mit Queen beschäftigt ist? "Nein", meint Peter, "das ist überhaupt kein Problem. Als echte Band hat man doch irgendwie Interesse an der Gesamtheit, also nicht nur an Songwriting, Live-Gigs, an dem Aufnehmen von Platten (was im Falle von 'Mad: Bad: And Dangerous To Know' in nur acht Wochen unter der Regie von Justin Shirley-Smith geschah, der zuvor als Toning. und Tonmeister für David Bowie und Chris Rea gearbeitet hat-Aufm. Verf.). In diesen Zeiten entwickeln wir zum Beispiel auch Ideen für Bühnenaufbauten, Video-Clips, usw. Es gibt also immer etwas zu tun." Glaubt man speziell der englischen Musikpresse, dann werden diese Art von Arbeiten demnächst in deutlich kürzeren Phasen ablaufen, denn angeblich wollen Queen nie wieder live auftreten. Stimmt das, Roger? "Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Im Moment will Freddie

absolut nicht teuren. Das heißt nun aber nicht, daß wir überhaupt nicht mehr live spielen werden. Ich finde, Queen ist eine verdammt gute Live-Band und ... (Roger legt eine kleine 'nachdenkliche' Pause ein - Anm. Verf.)... wenn wir uns alle einigen, vielleicht wird's dann doch noch etwas. Definitiv weiß ich nur, daß Queen weiterhin Platten aufnehmen werden. Die nächste ist bereits fertig, und ich denke, daß sie noch in diesem Jahr veröffentlicht wird." Wenn er das schon ankündigt, dann muß er uns natürlich auch verraten, wie der Nachfolger von "The Miracle" in etwa ausfällt: "Schwer zu beschreiben: Einerseits sind sicher ein, zwei sehr gute Hit-Singles darauf und viele Melodien. Andererseits hat das Album den seit langem härtesten Gitarren- und Drum-Sound, den eine Queen-Platte haben kann. Teilweise sehr heavy. Ich weiß nicht genau, wie ich es am besten beschreiben soll, aber ich weiß, daß diese Band hier... (altes lacht, während Roger auf Peter zeigt und geschickt von Queen zu The Cross überleitet - Anm. Verf.)... definitiv live spielen wird." Wieder auf Club-Ebene oder vielleicht irgendwann sogar einmal als Support von Queen? Roger lacht lauthals... "das wäre natürlich auch eine Möglichkeit. Großartig! Die letzte Queen-Showwar vor 120.000 Leuten, da würden wir natürlich eine ganze Menge erreichen. Für mich allerdings ist so eine Veranstaltung zwar wirklich irre, aber es ist ein mindestens genauso großartiges Feeling, sagen wir mal, vor etwa 2.000 Leuten zu spielen, weil man da so ein enormes Publikums-Feedback kriegen kann. Das ist sehr aufregend." Aber es muß doch schon ein Wechsel badsein, hier vor 120.000, dort vor2.000. "Das ist es ohne Frage, aber ich mag die Gesamtheit solch kleinerer Konzerte sehr gern." Ob die noch in diesem Sommer stattfindende The Cross-Tournee tatsächlich im kleineren Rahmen stattfindet, das war bis zum Redaktionsschluß noch nicht ganz geklärt.

Eventuell nämlich werden The Cross als Support für die bevorstehende Tina Turner-Tour auf der Bühne stehen, "doch dazu kann ich im Moment noch nichts sagen." Club wäre mir offengestanden deutlich lieber, denn da überzeugen The Cross bestimmt. Und "Foxy Lady" steht dann mit Sicherheit auf der Playlist, "denn Peter ist ein ganz großer Fan davon", meint Roger "Ja, live muß das unbedingt sein! Ein langes Drumintro und dann dieser Gitarrenlärm, great!", begeistert sich Peter. Und nicht nur er.

Jens Schmiedeberg


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