The Cross
Kreuze sind aus irgendeinem Grund außerordentlich symbolträchtig.
Man denke nur an Black Sabbath mit ihrem 'headless cross' oder an den
legendären ZZ Top-Auftritt im WDR-Rockpalast, währenddessen Billy
Gibbons über 'the black cross, the green cross, the southern cross'
und schließlich 'the cocaine cross' nicht so ganz ernstgemeint
sinnierte. Mit all diesem hat das Kreuz, das Queen-Schlagzeuger Roger
Taylor gern mit sich 'herumträgt', nichts gemein, er mag das Ganze
lieber als eine Art stilübergreifenden Titel verstanden wissen. Mit
einem deutlichen Bekenntnis zum Hard-Rock wie "Mad: Bad: And
Dangerous To Know", das laut Roger Taylor "erste
richtige Album von The Cross", eindeutig belegt. Schon 1981 nahm
der königlichen Majestät Fellegerber ein erstes eigenes Werk ("Fun
In Space"), und drei Jahre später ein zweites ("Strange
Frontier") auf. Gar nicht so übel, wenn man während der
mittlerweile immer länger werdenden Queen-Pausen auch mal was eigenes
zu tun hat. Doch irgendwie war's das noch nicht. Gastmusiker hin oder
her, dem Manne stand der Sinn nach einem eigenen Hofstaat in Form von
ernstzunehmenden Musikern innerhalb einer Band-gemeinschaft.
Gewillte Musikanten gab's wie Sand am Meer, jeweils runde zwanzig
an der Zahl. Allesamt machten sie sich auf den Weg zur Audition beim
großen Unbekannten. Schließlich stand die Formation, die nicht etwa
den artverwandten Namen The Crown tragen sollte, sondern The Cross.
Heraus kam dabei Anfang 1988 die LP "Shove It", die
so manchem von uns noch einigermaßen schwer im Verdauungstrakt liegt,
war sie doch überwiegend pop-orientiert. Doch mittlerweile ist aus
des Königs Kreuz einewaschechte Band geworden. Ein Fünferteam,
bestehend aus Mr. Roger Taylor, der die Gitarre fortan nur noch zum
Komponieren benutzt und sich bei The Cross somit voll und ganz auf den
Gesang konzentriert, jedenfalls, wenn es um Live-Aktivitäten geht,
Clayton Moss, seines Zeichens Lead-Gitarrist, Spike Edney an den
Tastaturen, Viersaiter, sprich Bassist Peter Noone und Schlagzeuger
Josh Macrae. Gestatten, Noone und Taylor melden sich zum Interview.
Nicht ohne vorherigen Hinweis der Plattenfirma, man möge doch
nicht zuviel über Queen fragen. "Genau",
meint Roger, "Du glaubst gar nicht, wie viele Leute, die mit
mir Interviews machen, fast nur Dinge über Queen fragen. Hinterher
gibt es oft Artikel, in denen nur beiläufig erwähnt wird, 'daß
Roger Taylor auch in einer anderen Band spielt, die The Cross heißt'."
Natürlich nicht Sinn der Sache. Erst recht dann, wenn laut Gerüchten
das Verhältnis Mercury/TayIor recht gestört sei und Queen
offenbar nicht mehr live auftreten wollen. Ich erinnere mich noch an
die '88er Club-Tour, bei der nicht wenige Fans von The Cross
das eine oder andere Queen-Stück erwarteten. "Darauf
kann man lange warten", meinen Roger und Peter
im Duett, "es ist ein bißchen verrückt, das zu tun."
Peter ergänzt, "daß es diesmal wohl ein wenig anders
aussehen wird. Immerhin sind zwei Jahre vergangen, und The Cross sind
jetzt eine richtige, eigenständige Band." Was Anfang '88,
als "Shove It" erschien, ja nicht der Fall war:
Erstens klang speziell der Titelsong doch deutlich nach Queen,
zweitens dachten die meisten zunächst einmal, es handele sich bei
The Cross um so etwas wie Robert Taylors Session-Band.
"Da hast Du vollkommen recht", meint Roger. "Es
war auch insofern anders, als daß 'Mad: Bad: And Dangerous To
Know' das erste richtige Cross-Album ist, das aus uns Fünfen
heraus entstand. Wir denken im Grunde genommen darüber so, als wenn
es unser Debüt-Album ist." Weht demzufolge daher der Wind
der musikalischen Veränderung? Immerhin war "Shove It"
wesentlich poppiger, "Mad: Bad: And Dangerous To Know"
hingegen ist zwar auch noch sehr melodisch, ist aber doch im Grunde
ein (Hard)-Rock-Album mit deutlichen Blues-Wurzeln und obendrein sehr
viel mehr gitarren betont. "Zur Zeit, als 'Shove tf entstand",
berichtet Peter, "hat Roger auch noch ganz anders, mit vielen
Samplings und so gearbeitet. Wir entschieden uns, auf diesem Album
davon Abstand zu nehmen. Als Band haben wir sehr viele Sachen
ausprobiert: Wenn irgendwer eine Idee hatte, dann hieß es 'okay, komm
nach vorne und play that mother'. Ich glaube, dadurch entstand
automatisch ein größeres Live-Feeling...". "Und wir haben
so gut wie alles live eingespielt", ergänzt Roger, "bis auf
die wenigen spärlichen Synthesizer, als Overdubs. Keine Sequenzer,
keine drummachines, keine Click-Tracks-.kein.. no crap, real
stuft." Was sich nach Peters Meinung auch sehr positiv auf künftige
Live-Gigs der Band auswirken wird, "denn wir sind richtig gut
aufeinander eingespielt und brauchen uns überhaupt keine Gedanken
mehr zu machen, ob wir nun dieses oder jenes triggern, wir spielen auf
der Bühne einfach los." So suchten The Cross denn auch von den
26 Titeln, die für das Album geschrieben wurden, die elf aus, die während
der Live-Proben in Montreux am besten kamen. Inklusive Jimi Hendrix' "Foxy
Lady", Bonus-Track für die CD. "Roger schlug das
vor", erzählt Peter. "Wir spielten ihn einfach mal, weil
wir ihn alle sehr gut finden. Als wir dann die Aufnahme hörten, da
dachten wir, okay, laß uns den mal richtig aufnehmen. Wir spielten
ihn dann nochmal, alles eine ganze Idee lauter eingestellt als bei den
anderen Songs, und das war's. Ich mein', wenn man einen Hendrix-Song
spielt, dann muß das laut und live passieren." "Und es ist
einer dieser großartigen Hendrix-Klassiker, die" nach
Rogers Meinung "leider in Vergessenheit gerieten. Mir ist
das schon sehr oft aufgefallen, daß viele jüngere Leute (RogerTayIor
istmittlerweile 41 -Anm. Verf.) diesen Song überhaupt nicht
kennen. 'Purple Haze'oder 'Hey Joe' schon. Ich finde, 'Foxy
Lady wurde damals nicht so optimal aufgenommen wie viele andere
Hendrix-Tracks. Für uns war es eine schöne Sache, diesen Song neu
aufzunehmen", der dann aber 'nur' als Bonus-Track in Frage
kam, "weil wir dafür nicht einen unserer eigenen Songs von
dem Album nehmen wollten." Wenn nicht gewidmet, so ist das
Album doch in einer gewissen Weise verbunden mit einem Herrn namens
Lord Byron, und damit ist mitnichten etwa der Großvater des
ehemaligen Uriah Heep-Sängers David Byron gemeint. "Dieser
Byron," so klärt uns Roger auf, "war ein
verdammt dekadenter und exzentrischer Knabe und einer der
bedeutendsten britischen Schriftsteller seiner Zeit. Er galt als sehr
unbequem, weil er ständig an gesellschaftlichen Normen herumnörgelte,
und schon bald hatte er deshalb den Ruf 'Mad: Bad: Dangerous To
Know' weg. Deshalb verließ er schließlich England" und
weilte dann in Schloß Chillon am Ufer des Genfer Sees, "wo
man ihn sozusagen von der Öffentlichkeit weitgehend fernhielt,"
wie uns Peter verrät. "Roger las über ihn ein Buch, und so
kamen wir auf diesen Titel, denn dieses Schloß Chillon, das ist nur
etwa zwei Meilen entfernt von den Mountain-Studios gelegen. Er galt in
den sogenannten etablierten Kreisen als außerordentlich negativ, und
so geht es Musikern ja auch häufiger." Hat sich denn das
Wesen oder bestimmte Merkmale dieser Person auch in den Texten von
The Cross in irgendeiner Form niedergeschlagen?
"Nein", meint Peter lachend, "höchstens
in meinen Klamotten", die in der Tat - sagen wir mal -
'barock' ausfallen. Im Vergleich zu den früheren Queen immer
noch 'harmlos', denn, so erzählt Roger, "Anfang der Siebziger
haben Queen ja sogar Kleider getragen. Das hat uns damals einen
Riesenspaß gemacht, denn wenig später liefen viele Leute so ähnlich
auf der Straße herum. Damals war das für viele Leute richtig
schockierend, heute sind wir da herausgewachsen." Klar, als
Musiker ist es bekanntlich schon sehrwichtig, sich optisch und
musikalisch zu verändern, wenn man über Jahrzehnte an vorderster
Front mitmischen will. "Es sei denn, man heißt Status
Quo", meint Peter, "die können immer das gleiche
machen, und es wird trotzdem nie langweilig." Aprospos
'Langeweile': Ist es für The Cross nicht manchmal schwierig,
wenn Roger - so wie 1988 von April bis Jahresende - mit
Queen beschäftigt ist? "Nein", meint Peter,
"das ist überhaupt kein Problem. Als echte Band hat man doch
irgendwie Interesse an der Gesamtheit, also nicht nur an Songwriting,
Live-Gigs, an dem Aufnehmen von Platten (was im Falle von 'Mad:
Bad: And Dangerous To Know' in nur acht Wochen unter der Regie von
Justin Shirley-Smith geschah, der zuvor als Toning. und Tonmeister
für David Bowie und Chris Rea gearbeitet hat-Aufm.
Verf.). In diesen Zeiten entwickeln wir zum Beispiel auch Ideen
für Bühnenaufbauten, Video-Clips, usw. Es gibt also immer etwas zu
tun." Glaubt man speziell der englischen Musikpresse, dann
werden diese Art von Arbeiten demnächst in deutlich kürzeren Phasen
ablaufen, denn angeblich wollen Queen nie wieder live
auftreten. Stimmt das, Roger? "Um ehrlich zu sein, ich weiß
es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Im Moment will Freddie
absolut nicht teuren. Das heißt nun aber nicht, daß wir überhaupt
nicht mehr live spielen werden. Ich finde, Queen ist eine verdammt
gute Live-Band und ... (Roger legt eine kleine
'nachdenkliche' Pause ein - Anm. Verf.)... wenn wir uns
alle einigen, vielleicht wird's dann doch noch etwas. Definitiv weiß
ich nur, daß Queen weiterhin Platten aufnehmen werden. Die nächste
ist bereits fertig, und ich denke, daß sie noch in diesem Jahr veröffentlicht
wird." Wenn er das schon ankündigt, dann muß er uns natürlich
auch verraten, wie der Nachfolger von "The Miracle"
in etwa ausfällt: "Schwer zu beschreiben: Einerseits sind
sicher ein, zwei sehr gute Hit-Singles darauf und viele Melodien.
Andererseits hat das Album den seit langem härtesten Gitarren- und
Drum-Sound, den eine Queen-Platte haben kann. Teilweise sehr heavy.
Ich weiß nicht genau, wie ich es am besten beschreiben soll, aber ich
weiß, daß diese Band hier... (altes lacht, während Roger auf
Peter zeigt und geschickt von Queen zu The Cross überleitet -
Anm. Verf.)... definitiv live spielen wird." Wieder
auf Club-Ebene oder vielleicht irgendwann sogar einmal als Support von
Queen? Roger lacht lauthals... "das wäre natürlich auch
eine Möglichkeit. Großartig! Die letzte Queen-Showwar vor 120.000
Leuten, da würden wir natürlich eine ganze Menge erreichen. Für
mich allerdings ist so eine Veranstaltung zwar wirklich irre, aber es
ist ein mindestens genauso großartiges Feeling, sagen wir mal, vor
etwa 2.000 Leuten zu spielen, weil man da so ein enormes
Publikums-Feedback kriegen kann. Das ist sehr aufregend."
Aber es muß doch schon ein Wechsel badsein, hier vor 120.000, dort
vor2.000. "Das ist es ohne Frage, aber ich mag die Gesamtheit
solch kleinerer Konzerte sehr gern." Ob die noch in diesem
Sommer stattfindende The Cross-Tournee tatsächlich im
kleineren Rahmen stattfindet, das war bis zum Redaktionsschluß noch
nicht ganz geklärt.
Eventuell nämlich werden The Cross als Support für die
bevorstehende Tina Turner-Tour auf der Bühne stehen, "doch
dazu kann ich im Moment noch nichts sagen." Club wäre mir
offengestanden deutlich lieber, denn da überzeugen The Cross
bestimmt. Und "Foxy Lady" steht dann mit Sicherheit
auf der Playlist, "denn Peter ist ein ganz großer Fan
davon", meint Roger "Ja, live muß das unbedingt
sein! Ein langes Drumintro und dann dieser Gitarrenlärm,
great!", begeistert sich Peter. Und nicht nur er.
Jens Schmiedeberg |