The Cross - The Show Must Go On!
Wanderten Brian May und Freddy Mercury schon früher fleißig auf
Solo-Pfaden, so hatte Drummer Roger Taylor vor einigen Jahren die Lust
gepackt, das leidige Kreuz der Buhnen-Abstinenz bei den Hörnern zu
packen und in die turbulente Rolle des Front- Performers bei The Cross
zu schlüpfen.
Von kalifornischer Sonne frisch gebräunt, macht Roger Taylor in
seiner Segler-Windjacke und den leicht getönten Sonnenbrillen eher
den Eindruck eines amerikanischen Pauschal-Bildungstouristen in den
Mitvierzigern, der gerade auf seinen Sightseeing-Bus wartet. Gar so
abwegig scheint dies nicht; denn Köln, wo wir uns treffen, ist nicht
nur Sitz der Plotten-firma von The Cross, sondern hat für den
amerikanischen Pauschal-Bildungstouri-sten einiges zu bieten.
Zahlreiche romanische und gotische Sakralbauten, Museen, Theater en
masse. Doch der aufgeweckte Queen-Drummer, Doktor der Biologie und
Hobbysegler, der gegenwärtig vorzugsweise die mystisch-düsteren
Werke des Literaten Gabriel Gorcia Marquez verschlingt, schwärmt
lieber von seinem Urlaubsaufenthalt in Los Angeles, von dem er gerade
zurückgekehrt ist. Vor allem, wenn er auf die dortige Musikszene zu
sprechen kommt, preist er die kalifornische Metropole und stellt dazu
London im Vergleich ein Zeugnis hoffnungsloser Tristesse aus: „In
LA. ist doch im Moment viel mehr los als in London. Vor acht bis zehn
Jahren war das noch anders, da gab es dort fast nichts. Heute wimmelt
es in Kalifornien von interessanten Bands, die eine lebendige
Live-Szene vorfinden. Sicherlich haben Guns N' Roses so einiges
bewirkt, um Los Angeles in den Mittelpunkt der Rockwelt zu rücken.
Aber es gibt dort eben nicht nur Bands, die diesen Stil im Programm
haben, sondern auch viele neue, innovative Acts. Aber in London
passiert im Moment überhaupt nichts. Dort regiert nur noch
Dancefloor-Musik und ich hasse diesen Scheiß, wirklich! Deshalb sehe
ich für The Cross auch den Schwerpunkt hier in Deutschland, weil hier
mehr Akzeptonz für Mainstream Rock vorhanden ist!" Old Germany
wird für The Cross, die gerode mit BLUE ROCK ihr drittes Album draußen
haben, im Vorprogramm von Magnum neben der Schweiz, Österreich und
Skandinavien also einen beträchtlichen Teil der im Oktober/November
startenden Tour darstellen. Und mit Magnum gibt es wohl keine
Probleme; schließlich kennt man sich schon einige Zeit. Ja, sie sind
sehr nett. Ihr Stil harmoniert sehr gut mit dem von The Cross."
Er muß es wissen, denn Taylor hat seinerzeit Magnums VIGILANTE-Album
produziert. Eine wichtige, erkenntnisreiche Erfahrung. „Produzieren?
Nein, nie wieder! Es fixiert dich sehr stark. Eine sehr harte Arbeit.
Du mischst dich in die Arbeit anderer Leute ein als Produzent. Und
wenn die Platte fertig ist ...zzscht! Vorbei! Das kann sehr
unbefriedigend sein."
Mitunter kann es nicht weniger unbefriedigend sein, wenn ein
Mitglied eines so großen Acts wie Queen eine andere Band ins Leben
ruft und die Fragen der Vertreter des Pressewesens häufiger in
Richtung Mütterchen Queen zielen. Geht Taylor der Rummel um Queen auf
die Nerven? „Ja!" entgegnef er und streicht sich über seine
Geheimratsecken. „Aber ich muß natürlich damit rechnen. Ich bin
sehr stolz auf das, was ich mit Queen erreicht habe. Es ist Teil
meines Lebens. Aber The Cross hat für mich einen wichtigen Platz
eingenommen." Und Vorsicht, jene banale Floskel ,Roger Taylors
Band oder Projekt' läßt der Frontmann nicht gelten. „Solche
Bezeichnungen mag ich überhaupt nicht. Es ist nicht meine Hobby-Band,
sondern ich bin einfach nur Sänger in dieser Band!" definiert
Taylor seine Rolle. Die Frage liegt auf der Hand - bei allen Erfolgen,
die Queen geschäftlich wie musikalisch beschieden waren und sind -
worin überhaupt die Motivation besteht, in eine andere Band
einzusteigen oder anderweitig musikalisch aktiv zu sein. Seine Antwort
zeugt von Besessenheit und Leidenschaft, die man beim königlichen
Rest von Queen nicht weniger antreffen dürfte, „Der einzige Grund,
warum ich mit Musik zu tun habe ist, daß ich Musik liebe. Besonders
natürlich die Rockmusik. The Cross hat nichts damit zu tun, Geld zu
verdienen. Der Reiz besteht darin, etwas.
Neues aufzubauen und mit einer anderen Band Akzeptanz zu finden.
Ich habe in den letzten Jahren mehr Zeit und Energie für The Cross
aufgebracht als für Queen. Für Queen waren es vielleicht gerode fünf
Prozent meiner Zeit! Wichtig ist für mich auch die Weiterentwicklung
meines Gesanges; die an sich größte Herausforderung meiner Arbeit
bei The Cross." Bei Queen, so Taylor, habe er beinahe zwanzig
Jahre Gesangs-Ertahrung hinter sich, aber der Lead-Gesang verlange
eben etwas andere Qualitäten. „Es überrascht mich, wenn mir langjährige
Leadsänger davon erzählen. Ich habe neulich mit Paul Young
gesprochen und er sagte, er habe immer noch Gesangsunterricht. Ich
kann gar nicht glauben, daß ein professioneller Sänger so etwas
braucht. Ich glaube eher an die Autodidaktik. Kann sein, daß man
einiger Anregungen und Techniken gewahr wird, die man dann für sich
selbst noch ausarbeiten kann, aber im Prinzip ist das mit dem
Unterricht ein Witz."
Weniger witzig sind teils die Texte und Songs, die das neue The
Cross-Werk ausmachen. Zum Beispiel ,The Also Rans', das mit der
Thematik um einen Outlaw und Loser völlig im Kontrapunkt zur
Lebenssituation eines gut situierten Rockstars steht.
„Nun, ich lebe in England. Es gibt dort viele düstere Gegenden
mit sehr niedrigem Lebensstandard. Die Atmosphäre vieler Städte im
Norden oder in Schottland macht dich einfach depressiv. Die Folgen der
schlechten wirtschaftlichen sind zahlreiche Ausschreitungen junger
Leute und die Regierung interessiert das überhaupt nicht." Bewußt
ist er sich allerdings, daß ihm, hauptamtlich Teil einer
erfolgreichen Rocklegende, das engagierte Aufgreifen solcher Themen
nicht jeder so leicht abnimmt. „Nun, ich mußte früher auch mit
wenig Geld auskommen. Ich weiß noch genau wie das ist, kein Geld zu
haben und sich durchzuschlagen. Ich finde diesen Song sehr realitätsnah
geschrieben und die Leute können sich durchaus darin wiederfinden.
Vom Prinzip her ist das so ähnlich bei Bruce Springsteen, der auch
gerne über das Leben zum Beispiel der Stahlarbeiter singt."
Gelassen sieht er allerdings den Reaktionen entgegen, die The Cross
hervorruft.
Verbale Heckenschützen, die sein Engagement außerhalb Queens
weniger honorieren, .können' ihn offensichtlich .kreuzweise'. „Ich
erwarte gar nichts! Dafür bin ich schon zu lange in diesem Geschäft,
um irgendwelche Erwartungen zu haben. Natürlich schere ich mich nicht
einen Dreck darum, was die Leute so sogen, weil es manchmal sehr
schmerzlich sein kann. Ich glaube auch, daß manche Journalisten
beinahe Spaß daran haben, ihren Sarkasmus auszuleben und eine Band zu
zerreißen."
„Mit Queen habe ich es sehr vermißt, auf Tour zu gehen."
bedauert er mit seinem heiseren Organ. „Wir haben zwar weiterhin
Platten gemacht, aber seit sechs Jahren haben wir nicht mehr zusammen
getourt. Das ist ein Dilemma!" Kann er sich vorstellen, ob sich
das einmal ändern konnte? „Ich wünschte, ich könnte etwas Näheres
dazu sagen. Ich denke, daß es sicherlich toll wäre, mit Queen wieder
auf Tour zu gehen. Aber ich kann nicht für die anderen
sprechen." Abgesehen von Roger Taylor ist es zur Zeit auch Brian
May, der musikalische Aktivitäten jenseits von Queen sucht. Der
Ausnahme-Gitarrist, so erzählt Taylor, sei gerade in der Schweiz, um
dort sein Solo-Album aufzunehmen. Von den Aufnahmen wird gerüchteweise
erzählt, daß sie auch durch das Mitwirken von May-Freund Eddie Van
Halen gekrönt werden sollen, der auch schon seinerzeit bei May's
Starfleet Projekt stark involviert gewesen war. „Darüber weiß ich
nichts genaues. Vor zwei Tagen hatte Brian Geburtstag und da habe ich
aber gehört, daß Chris Thompson wahrscheinlich auf dieser Platte
singen wird." Manfred Mann-Vokalist Thompson und May hatten schon
vor zwei Jahren miteinander zu tun, als sie sich an einem
Benefizprojekt für den Regenwald beteiligten.
Die chinesische Regierung hat wohl das Sterben des Regenwaldes noch
nicht so im Visier; sie stellte aber seinerzeit die Regeln des
Musikbusiness halbwegs auf den Kopf, als sie eine Million Dollar für
einen Queen-Auftritt im Lande der Großen Mauer verlangte. „Wir hätten
domais gerne in China gespielt, es wäre toll gewesen, als erste
Rockband in China vor einem Publikum zu spielen, das derartiges noch
nie zuvor gesehen hat. Komisch: Wir wurden auch neulich von den Russen
gefragt, ob wir nicht auf dem Roten Platz in Moskau spielen würden;
mit dem Staatsballet als Support-Art! Haha. Aber dort sind im Moment
auch sehr starke politische Veränderungen im Gange; was China
betrifft, die haben derzeit wohl ebenfalls genug andere Probleme
dort."
Martin Groß |