The Cross - The Show Must Go On!

Metal Hammer, 1991

Wanderten Brian May und Freddy Mercury schon früher fleißig auf Solo-Pfaden, so hatte Drummer Roger Taylor vor einigen Jahren die Lust gepackt, das leidige Kreuz der Buhnen-Abstinenz bei den Hörnern zu packen und in die turbulente Rolle des Front- Performers bei The Cross zu schlüpfen.

Von kalifornischer Sonne frisch gebräunt, macht Roger Taylor in seiner Segler-Windjacke und den leicht getönten Sonnenbrillen eher den Eindruck eines amerikanischen Pauschal-Bildungstouristen in den Mitvierzigern, der gerade auf seinen Sightseeing-Bus wartet. Gar so abwegig scheint dies nicht; denn Köln, wo wir uns treffen, ist nicht nur Sitz der Plotten-firma von The Cross, sondern hat für den amerikanischen Pauschal-Bildungstouri-sten einiges zu bieten. Zahlreiche romanische und gotische Sakralbauten, Museen, Theater en masse. Doch der aufgeweckte Queen-Drummer, Doktor der Biologie und Hobbysegler, der gegenwärtig vorzugsweise die mystisch-düsteren Werke des Literaten Gabriel Gorcia Marquez verschlingt, schwärmt lieber von seinem Urlaubsaufenthalt in Los Angeles, von dem er gerade zurückgekehrt ist. Vor allem, wenn er auf die dortige Musikszene zu sprechen kommt, preist er die kalifornische Metropole und stellt dazu London im Vergleich ein Zeugnis hoffnungsloser Tristesse aus: „In LA. ist doch im Moment viel mehr los als in London. Vor acht bis zehn Jahren war das noch anders, da gab es dort fast nichts. Heute wimmelt es in Kalifornien von interessanten Bands, die eine lebendige Live-Szene vorfinden. Sicherlich haben Guns N' Roses so einiges bewirkt, um Los Angeles in den Mittelpunkt der Rockwelt zu rücken. Aber es gibt dort eben nicht nur Bands, die diesen Stil im Programm haben, sondern auch viele neue, innovative Acts. Aber in London passiert im Moment überhaupt nichts. Dort regiert nur noch Dancefloor-Musik und ich hasse diesen Scheiß, wirklich! Deshalb sehe ich für The Cross auch den Schwerpunkt hier in Deutschland, weil hier mehr Akzeptonz für Mainstream Rock vorhanden ist!" Old Germany wird für The Cross, die gerode mit BLUE ROCK ihr drittes Album draußen haben, im Vorprogramm von Magnum neben der Schweiz, Österreich und Skandinavien also einen beträchtlichen Teil der im Oktober/November startenden Tour darstellen. Und mit Magnum gibt es wohl keine Probleme; schließlich kennt man sich schon einige Zeit. Ja, sie sind sehr nett. Ihr Stil harmoniert sehr gut mit dem von The Cross." Er muß es wissen, denn Taylor hat seinerzeit Magnums VIGILANTE-Album produziert. Eine wichtige, erkenntnisreiche Erfahrung. „Produzieren? Nein, nie wieder! Es fixiert dich sehr stark. Eine sehr harte Arbeit. Du mischst dich in die Arbeit anderer Leute ein als Produzent. Und wenn die Platte fertig ist ...zzscht! Vorbei! Das kann sehr unbefriedigend sein."

Mitunter kann es nicht weniger unbefriedigend sein, wenn ein Mitglied eines so großen Acts wie Queen eine andere Band ins Leben ruft und die Fragen der Vertreter des Pressewesens häufiger in Richtung Mütterchen Queen zielen. Geht Taylor der Rummel um Queen auf die Nerven? „Ja!" entgegnef er und streicht sich über seine Geheimratsecken. „Aber ich muß natürlich damit rechnen. Ich bin sehr stolz auf das, was ich mit Queen erreicht habe. Es ist Teil meines Lebens. Aber The Cross hat für mich einen wichtigen Platz eingenommen." Und Vorsicht, jene banale Floskel ,Roger Taylors Band oder Projekt' läßt der Frontmann nicht gelten. „Solche Bezeichnungen mag ich überhaupt nicht. Es ist nicht meine Hobby-Band, sondern ich bin einfach nur Sänger in dieser Band!" definiert Taylor seine Rolle. Die Frage liegt auf der Hand - bei allen Erfolgen, die Queen geschäftlich wie musikalisch beschieden waren und sind - worin überhaupt die Motivation besteht, in eine andere Band einzusteigen oder anderweitig musikalisch aktiv zu sein. Seine Antwort zeugt von Besessenheit und Leidenschaft, die man beim königlichen Rest von Queen nicht weniger antreffen dürfte, „Der einzige Grund, warum ich mit Musik zu tun habe ist, daß ich Musik liebe. Besonders natürlich die Rockmusik. The Cross hat nichts damit zu tun, Geld zu verdienen. Der Reiz besteht darin, etwas.

Neues aufzubauen und mit einer anderen Band Akzeptanz zu finden. Ich habe in den letzten Jahren mehr Zeit und Energie für The Cross aufgebracht als für Queen. Für Queen waren es vielleicht gerode fünf Prozent meiner Zeit! Wichtig ist für mich auch die Weiterentwicklung meines Gesanges; die an sich größte Herausforderung meiner Arbeit bei The Cross." Bei Queen, so Taylor, habe er beinahe zwanzig Jahre Gesangs-Ertahrung hinter sich, aber der Lead-Gesang verlange eben etwas andere Qualitäten. „Es überrascht mich, wenn mir langjährige Leadsänger davon erzählen. Ich habe neulich mit Paul Young gesprochen und er sagte, er habe immer noch Gesangsunterricht. Ich kann gar nicht glauben, daß ein professioneller Sänger so etwas braucht. Ich glaube eher an die Autodidaktik. Kann sein, daß man einiger Anregungen und Techniken gewahr wird, die man dann für sich selbst noch ausarbeiten kann, aber im Prinzip ist das mit dem Unterricht ein Witz."

NO EXPECTATIONS!

Weniger witzig sind teils die Texte und Songs, die das neue The Cross-Werk ausmachen. Zum Beispiel ,The Also Rans', das mit der Thematik um einen Outlaw und Loser völlig im Kontrapunkt zur Lebenssituation eines gut situierten Rockstars steht.

„Nun, ich lebe in England. Es gibt dort viele düstere Gegenden mit sehr niedrigem Lebensstandard. Die Atmosphäre vieler Städte im Norden oder in Schottland macht dich einfach depressiv. Die Folgen der schlechten wirtschaftlichen sind zahlreiche Ausschreitungen junger Leute und die Regierung interessiert das überhaupt nicht." Bewußt ist er sich allerdings, daß ihm, hauptamtlich Teil einer erfolgreichen Rocklegende, das engagierte Aufgreifen solcher Themen nicht jeder so leicht abnimmt. „Nun, ich mußte früher auch mit wenig Geld auskommen. Ich weiß noch genau wie das ist, kein Geld zu haben und sich durchzuschlagen. Ich finde diesen Song sehr realitätsnah geschrieben und die Leute können sich durchaus darin wiederfinden. Vom Prinzip her ist das so ähnlich bei Bruce Springsteen, der auch gerne über das Leben zum Beispiel der Stahlarbeiter singt." Gelassen sieht er allerdings den Reaktionen entgegen, die The Cross hervorruft.

Verbale Heckenschützen, die sein Engagement außerhalb Queens weniger honorieren, .können' ihn offensichtlich .kreuzweise'. „Ich erwarte gar nichts! Dafür bin ich schon zu lange in diesem Geschäft, um irgendwelche Erwartungen zu haben. Natürlich schere ich mich nicht einen Dreck darum, was die Leute so sogen, weil es manchmal sehr schmerzlich sein kann. Ich glaube auch, daß manche Journalisten beinahe Spaß daran haben, ihren Sarkasmus auszuleben und eine Band zu zerreißen."

LIVE KILLERS ?

„Mit Queen habe ich es sehr vermißt, auf Tour zu gehen." bedauert er mit seinem heiseren Organ. „Wir haben zwar weiterhin Platten gemacht, aber seit sechs Jahren haben wir nicht mehr zusammen getourt. Das ist ein Dilemma!" Kann er sich vorstellen, ob sich das einmal ändern konnte? „Ich wünschte, ich könnte etwas Näheres dazu sagen. Ich denke, daß es sicherlich toll wäre, mit Queen wieder auf Tour zu gehen. Aber ich kann nicht für die anderen sprechen." Abgesehen von Roger Taylor ist es zur Zeit auch Brian May, der musikalische Aktivitäten jenseits von Queen sucht. Der Ausnahme-Gitarrist, so erzählt Taylor, sei gerade in der Schweiz, um dort sein Solo-Album aufzunehmen. Von den Aufnahmen wird gerüchteweise erzählt, daß sie auch durch das Mitwirken von May-Freund Eddie Van Halen gekrönt werden sollen, der auch schon seinerzeit bei May's Starfleet Projekt stark involviert gewesen war. „Darüber weiß ich nichts genaues. Vor zwei Tagen hatte Brian Geburtstag und da habe ich aber gehört, daß Chris Thompson wahrscheinlich auf dieser Platte singen wird." Manfred Mann-Vokalist Thompson und May hatten schon vor zwei Jahren miteinander zu tun, als sie sich an einem Benefizprojekt für den Regenwald beteiligten.

ONE MILLION DOLLAR QUESTION

Die chinesische Regierung hat wohl das Sterben des Regenwaldes noch nicht so im Visier; sie stellte aber seinerzeit die Regeln des Musikbusiness halbwegs auf den Kopf, als sie eine Million Dollar für einen Queen-Auftritt im Lande der Großen Mauer verlangte. „Wir hätten domais gerne in China gespielt, es wäre toll gewesen, als erste Rockband in China vor einem Publikum zu spielen, das derartiges noch nie zuvor gesehen hat. Komisch: Wir wurden auch neulich von den Russen gefragt, ob wir nicht auf dem Roten Platz in Moskau spielen würden; mit dem Staatsballet als Support-Art! Haha. Aber dort sind im Moment auch sehr starke politische Veränderungen im Gange; was China betrifft, die haben derzeit wohl ebenfalls genug andere Probleme dort."

Martin Groß


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