Alles Roger? Keineswegs!

Metal Hammer, 1994

Im Gegensatz zu vielen seiner wohlhabenden Kollegen, die mit den Dingen eigentlich recht zufrieden sind, wird Taylor wütend, wenn er auf heutige Mißstände zu sprechen kommt. Mehrere solcher Fehlentwicklungen attackiert er auf seiner neuen Solo-Scheibe HAPPINESS?. In 'Nazis' wettert er gegen den aufkeimenden Neo-Nazismus in Europa, der dreist den Holocaust an den Juden leugnet. Mit 'Revelations' zieht er gegen eitle Politiker, unmoralische Bänker und sexistische Religionsführer zu Felde. Am mutigsten ist sicherlich Taylors Engagement gegen Rupert Murdoch, den mächtigen, erzkonserativen Medien-Tycoon, dem fast die Hälfte aller englischen Zeitungen, Fox TV, Sky Satellites und zahlreiche Gazetten in aller Welt gehören (bei uns besitzt er u.a. 49,9 Prozent von VOX). Wer dem Zeitgeschehen ein wenig folgt, wird gemerkt haben, wieviel Macht Medienzaren wie Leo Kirch, Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi bereits in ihren Händen halten. Letzterer ist mittlerweile (unter Beteiligung der Neo-Faschisten) der Regierungschef Italiens und im Begriff, das Land kräftig umzukrempeln. In dem Song 'Dear Mr. Murdoch' wehrt sich Roger Taylor in Form eines offenen musikalischen Briefs gegen die Diktatur des schlechten Geschmacks:

„Lieber Mr. Murdoch, Sie sind ein gefährlicher Bursche/ durch ihre verfluchte Sprache ertrinken wir in Scheiße.. / Ihre speichelleckenden Diener sind wie Geier beim Aas, sie sind so tief gesunken, wie Menschen nur sinken können.../ Lieber Mr. Murdoch, Sie sind wirklich das Allerletzte/ Mit schlechten Nachrichten machen Sie ein gutes Geschäft, Sie sind der König der Titten". Im Interview erläutert der blonde Multi-lnstrumentalist seinen Standpunkt:

„Die Medien sind abstoßend, speziell Leute wie Mr. Murdoch. Sie verbreiten Vorurteile über Völker, Unwahrheiten über Menschen und unrealistisches Zeug.

Nach meinen Erfahrungen kann man nichts glauben, was in der Zeitung steht."

Der Mann hat eine Menge Zivilcourage, doch enthält das drifte Solo-Album des blonden Briten noch weit mehr als Feldzüge gegen skrupellose Medienmacher. „Man darf nicht zuviel predigen, ich habe ernste und leichte Themen verarbeitet. In meinem Alter habe ich eine bestimmte Meinung zu den Dingen, und ich scheue mich nicht, sie auszusprechen. Das ist besser als nur über die Lebe zu singen, was ich ohnehin tue", lacht der 45 jährige. Musikalisch umgibt sich Taylor heute mit etlichen jungen Talenten, alles neue Namen, die der Platte eine frische Note geben. Kein Mitglied von The Cross ist am Start, diese Band sieht Taylor inzwischen als „fehlgeschlagenen Versuch". Neben einigen Liebesliedern ist auch ein Song für den verstorbenen Freddie Mercury unter den zwölf Werken ('Old Friends'), dem er sich in tiefer Freundschaft verbunden fühlt. Die Stimme des legendären Queen-Frontmanns soll noch einmal zu hören sein, denn „im nächsten Jahr wird es ein neues Queen-

Album geben", verrät der Rock'n'Roll-Gentleman. „Es enthält die letzte Session, die wir mit Freddie gespielt haben. Wir haben damals nur die Grundstrukturen der Titel aufgenommen, jeder kannte die Situation. Ich fand es erstaunlich, daß er überhaupt noch arbeitete, aber er wollte es so, es lenkte ihn von seiner Krankheit ab." Zur Zert sitzen die verbliebenen Queen-Mitglieder im Studio und umgeben Mercurys Gesang, den Taylor als, .teilweise sehr traurig, dann aber auch wieder fröhlich" beschreibt, mit weiterer Instrumentalmusik. Was erwartet Roger Taylor nun von seinem Alleinritt HAPPINESS? ?" .Ich kann keine Verkaufszahlen voraussagen, das Musikgeschäft ist ein Glücksspiel, wenn du an Geld denkst. Aber mir mangelt es nicht an Geld. Queen war immer mein Mutterschiff, aber es arbeitet zur Zeit nur mit fünfzig Prozent. So konnte ich eine persönliche Platte machen, die mir aus dem Herzen spricht." Nervt es den erfolgsgewohnten Rocker, daß er allein nie die Popularität seiner Band erringen wird? „Das ist richtig. Ich werde nie zwei Nächte lang Headliner des 'Rock In Rio'-Festivals sein, wie Queen es war. Doch solange ich Respekt für meine Arbeit bekomme, bin ich glücklich."


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