Alles Roger? Keineswegs!
Im Gegensatz zu vielen seiner wohlhabenden Kollegen, die mit den
Dingen eigentlich recht zufrieden sind, wird Taylor wütend, wenn er
auf heutige Mißstände zu sprechen kommt. Mehrere solcher
Fehlentwicklungen attackiert er auf seiner neuen Solo-Scheibe
HAPPINESS?. In 'Nazis' wettert er gegen den aufkeimenden Neo-Nazismus
in Europa, der dreist den Holocaust an den Juden leugnet. Mit
'Revelations' zieht er gegen eitle Politiker, unmoralische Bänker und
sexistische Religionsführer zu Felde. Am mutigsten ist sicherlich
Taylors Engagement gegen Rupert Murdoch, den mächtigen,
erzkonserativen Medien-Tycoon, dem fast die Hälfte aller englischen
Zeitungen, Fox TV, Sky Satellites und zahlreiche Gazetten in aller
Welt gehören (bei uns besitzt er u.a. 49,9 Prozent von VOX). Wer dem
Zeitgeschehen ein wenig folgt, wird gemerkt haben, wieviel Macht
Medienzaren wie Leo Kirch, Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi
bereits in ihren Händen halten. Letzterer ist mittlerweile (unter
Beteiligung der Neo-Faschisten) der Regierungschef Italiens und im
Begriff, das Land kräftig umzukrempeln. In dem Song 'Dear Mr.
Murdoch' wehrt sich Roger Taylor in Form eines offenen musikalischen
Briefs gegen die Diktatur des schlechten Geschmacks:
„Lieber Mr. Murdoch, Sie sind ein gefährlicher Bursche/ durch
ihre verfluchte Sprache ertrinken wir in Scheiße.. / Ihre
speichelleckenden Diener sind wie Geier beim Aas, sie sind so tief
gesunken, wie Menschen nur sinken können.../ Lieber Mr. Murdoch, Sie
sind wirklich das Allerletzte/ Mit schlechten Nachrichten machen Sie
ein gutes Geschäft, Sie sind der König der Titten". Im
Interview erläutert der blonde Multi-lnstrumentalist seinen
Standpunkt:
„Die Medien sind abstoßend, speziell Leute wie Mr. Murdoch. Sie
verbreiten Vorurteile über Völker, Unwahrheiten über Menschen und
unrealistisches Zeug.
Nach meinen Erfahrungen kann man nichts glauben, was in der Zeitung
steht."
Der Mann hat eine Menge Zivilcourage, doch enthält das drifte
Solo-Album des blonden Briten noch weit mehr als Feldzüge gegen
skrupellose Medienmacher. „Man darf nicht zuviel predigen, ich habe
ernste und leichte Themen verarbeitet. In meinem Alter habe ich eine
bestimmte Meinung zu den Dingen, und ich scheue mich nicht, sie
auszusprechen. Das ist besser als nur über die Lebe zu singen, was
ich ohnehin tue", lacht der 45 jährige. Musikalisch umgibt sich
Taylor heute mit etlichen jungen Talenten, alles neue Namen, die der
Platte eine frische Note geben. Kein Mitglied von The Cross ist am
Start, diese Band sieht Taylor inzwischen als „fehlgeschlagenen
Versuch". Neben einigen Liebesliedern ist auch ein Song für den
verstorbenen Freddie Mercury unter den zwölf Werken ('Old Friends'),
dem er sich in tiefer Freundschaft verbunden fühlt. Die Stimme des
legendären Queen-Frontmanns soll noch einmal zu hören sein, denn
„im nächsten Jahr wird es ein neues Queen-
Album geben", verrät der Rock'n'Roll-Gentleman. „Es enthält
die letzte Session, die wir mit Freddie gespielt haben. Wir haben
damals nur die Grundstrukturen der Titel aufgenommen, jeder kannte die
Situation. Ich fand es erstaunlich, daß er überhaupt noch arbeitete,
aber er wollte es so, es lenkte ihn von seiner Krankheit ab." Zur
Zert sitzen die verbliebenen Queen-Mitglieder im Studio und umgeben
Mercurys Gesang, den Taylor als, .teilweise sehr traurig, dann aber
auch wieder fröhlich" beschreibt, mit weiterer
Instrumentalmusik. Was erwartet Roger Taylor nun von seinem Alleinritt
HAPPINESS? ?" .Ich kann keine Verkaufszahlen voraussagen, das
Musikgeschäft ist ein Glücksspiel, wenn du an Geld denkst. Aber mir
mangelt es nicht an Geld. Queen war immer mein Mutterschiff, aber es
arbeitet zur Zeit nur mit fünfzig Prozent. So konnte ich eine persönliche
Platte machen, die mir aus dem Herzen spricht." Nervt es den
erfolgsgewohnten Rocker, daß er allein nie die Popularität seiner
Band erringen wird? „Das ist richtig. Ich werde nie zwei Nächte
lang Headliner des 'Rock In Rio'-Festivals sein, wie Queen es war.
Doch solange ich Respekt für meine Arbeit bekomme, bin ich glücklich." |