Rock'N Regina. Die Smartosaurier der Rockevolution
Hai Poser! Led Zeppelin habt ihr nun durchgecovert. Bevor Ihr Euch
auf der Suche nach einem Nachfolge-Wirtstier in irgendwelchen obskuren
Gefilden verirrt, blickt doch zum Königshof des Rock'n'Roll hinauf
und nehmt QUEEN bei der Hand, hört ihre zwölf Studioalben, bevorzugt
das aktuelle, „THE MIRACLE", und versucht doch dieses blaue
Blut auszusaugen, um Eure Ideen-Anämie zu übertünchen. Doch seid
vorsichtig, denn Queen ist vielleicht der einzige Rocksaurier auf
Erden, der sich nicht dem Evolutionsprinzip beugte, also nicht nach
dem Motto „viel Masse, wenig Hirn" zu Boden ging. Uwe Deese
traf die Rock'n Regina in luftiger Höhe.
Wenn Dir in unseren Breiten die Chance geboten wird, mit jemandem
von Queen zu sprechen, kannst Du mit Sicherheit davon ausgehen, daß
dieses Palaver in München. der Deutschland-Residenz der Band,
stattfindet. Zweieinhalb Alben haben die Rock-Royallsten hier
aufgenommen, Freddie Mercury war dort, bevor er katalonien entdeckte,
zeitweise permanent unter der mollig-matriachalischen Obhut von
Barbara Valentin anzutreffen, wenn man den Klatsch-Kolumnen des Baby
Schimmerlos-Originals Glauben schenken durfte. Mein Termin findet im
23.Stock des Hilton am Tucherpark zwischen Banken und anderen
Geldraffern statt. Gitarrist Brian May ist mir als Interview-Partner
avisiert worden, obwohl ich eigentlich viel lieber mit Roger Taylor,
Queen-Drummer und Großpop-Produzent, konversieren möchte. Mein Date
ist auf 19 Uhr terminiert, ich bin der x-te Ausfrager an diesem
sonnigen Tag.
Brian May und Roger Taylor sind in der exponierten Bar des Hiltons
anwesend, Freddie Mercury und John Deacon sind nicht mit über den
kleinen Teich gekommen. Beide tragen Sonnenbrillen, beide geben sich
irgendwie geziert. Brian May schreitet im edlen Cut. der durch einen
old-fashioned Binder am seidigen Hemd zu vollendeter konservativer
Eleganz stilisiert wird, durch die VIP-Bar; Roger Taylor wirkt ein
wenig fahriger, er schaut während der Interviews, die ich beobachte,
scheinbar desinteressiert aus dem Fenster. Nun ist es 20 Uhr, jetzt
bin ich dran. Ein Schnösel schmeißt sich in Groupie-Manier dem
Gitarristen an den Hak, zerrt ihn in die Interview-Sitzecke. Prima.
Das Schicksal ist auf meiner Seite. Roger Taylor nimmt sich
SHARK 10 zur Hand, findet es äußerst geschmackvoll, daß wir
Michael Hutchence von INXS auf dem Cover haben. Er spricht extrem
leise und kontrolliert, nenne es borniert, nenne es routiniert. Wir
plaudern ein wenig, bis der Queen-Gorilla kommt und wie weiland Hans
Rosenthal auf die Stoppuhr drückt: ..ab jetzt dreißig Minuten",
Dalli, klick!
SHARK: Mir gefällt „The Miracle" ziemlich gut, tolle
Mischung aus Dancefloor, Oppulent-Rock und Party Metal. Originell ist
auch das Cover, diese Verschmelzung eurer Köpfe zu einem.
RT: Ja, ein Kopf mit fünf Augen.
SHARK: Alle Songs sind diesmal von QUEEN geschrieben, die
Autoren-Hierarchie früherer Tage scheint ad acta gelegt, ist euer
Zusammengehörigkeitsgefühl stärker denn je?
RT: Nun, alle Songs sind von Queen geschrieben worden. Übersetzt
heißt das ungefähr, daß wir all unsere Ideen gesammelt haben und so
lange daran herumfeilten, bis daraus Songs entstanden, die uns
gefielen.
SHARK: Wie arbeitet ihr heute überhaupt? Trefft ihr euch
regelmäßig, probt ihr zusammen oder komponiert ihr eure Songs per DFÜ.
RT: Wir haben seit unserer letzten Tour erst einmal pausiert,
jeder ist seinen eigenen Projekten nachgegangen. Kurz| vor Weihnachten
entschlossen wir uns, wieder eine Platte aufzunehmen. Die sollte im
Januar dieses Jahres fertig sein, hatten wir uns vorgestellt. Aber es
dauerte länger, weil dauernd irgendwer von uns kam und neue gute
Ideen anschleppte. Es waren viele hervorragende Anstöße dabei und es
machte wirklich Spaß, diese Ansätze auszuarbeiten. Ich glaube, es
waren letztendlich 33 Songs, die wir hätten aufnehmen können, es
dauerte also zusätzlich einige Zeit, bis wir die besten heraussiebten
SHARK: Die Manigfaltigkeit der Ideen findet sich auf „The
Miracle" wieder. Das beste Beispiel für den Stilmix - oder mein
Favorit - ist „Invisible Man" mit diesem maschinellen
Bass-Groove, den Jack-Effekten hier und da und der Keith
Richards-Gitarre von „Under Cover.." als Breakbringer....
RT: Danke, das war urspünglich meine Idee, hört sich an wie
Suicide auf Mescalin.
SHARK: Meinst du mit Suicide Selbstmord oder Alan Vegas
Suicide?
RT: Hmmm....wohl mehr Alan Vegas Suicide...
SHARK: Mochtest du Alan Vega und Martin Rev?
RT: (druckst rum) Ja, ich glaube ja. Es ist heute ziemlich
trendy, Suicide gut zu finden.
SHARK: ...war es schon vor acht Jahren, höre DAF...
RT: Ja, natürlich, Suicide hatten gute Ideen, interessante Ansätze,
das ahmen heute einige Bands ein wenig nach. Zum Beispiel Sigue Sigue
Sputnik mit ihrer letzten Platte.
SHARK: Du hast Tony James doch geholfen....
RT: Ja, ich habe den ein oder anderen Song co-produziert.
SHARK: Man erzählte mir, ihr hättet das Video zur aktuellen
Single „I Want It All" in eurem eigenen Kaufhaus produziert?
RT: Nee, unser Kaufhaus ist bedeutend kleiner. Das Video wurde
in einem Londoner Riesenkaufhaus gedreht. Für meinen Geschmack ist es
nicht richtig ausgeleuchtet, das Licht kommt nicht unaufdringlich
genug, es gleißt wie Bühnenlicht, suppt alles zu.
SHARK: Wer hat das Video denn gedreht?
RT: Dave Mallet. Er hat viele tolle Videos für uns produziert,
die für „Radio Gaga" oder „Under Pressure". Er hat auch
die wenigen guten Bowie-Clips gedreht. „Ashes To Ashes" zum
Beispiel.
SHARK: Apropos Bowie. Eure Plattenfirma veröffentlicht in
einem Monat solche Megaseller wie QUEEN, BOWIE aka TIN MACHINE, PAUL
McCARTNEY und JOE COCKER.
RT: Oh, Hilfe, Joe Cocker ist groß bei euch?
SHARK: Wohl nur hier, sie haben den alten Kerl irgendwann mal
eingemeindet...
RT: Zu deiner Frage. Die Plattenfinnen nehmen, was sie kriegen.
Aber, daß Davids neue Plaitte schon raus ist, wundert mich. Ich traf
ihn vor kurzem und er meinte, daß der Release sich wohl verschieben würde.
Hoffentlich ist seine neue nicht so mies wie die letzte
Bowie-Platte...
SHARK: ...oder die vorletzte
RT: ...oder die drittletzte...
SHARK: TIN MACHINE ist okay...
RT: Ja, mit den beiden Stooges, den Sales-Brüdern... Er erzählte
mir, die Gruppe solle TIN BAND heißen.
SHARK: ...oder TIN WHITE DUKE BAND...Nun, zurück zu euch. Ihr
habt damals GRANDMASTER FLASH mit ANOTHER ONE BITES THE DUST einen
Track für seinen Party Mix geliefert. Heute klingen bei
INVISIBLE MAN Jack-Trax durch..Ist da eine Wechselwirkung zwischen der
Tanz- und der Rockfraktion zu erkennen?
RT: Nicht wirklich. Die eigentlichen Jack-Trax bestehen nur aus
billigen Keyboards und Sequenzern. INVISIBLE MAN ist im'Studio quasi
live eingespielt worden und nur mit kleinen Keyboard-Sprenkseln
versetzt worden. Wenn du das als Jack-Trax bezeichnest. Nun ja.
SHARK: Stampfer wie eure Single klingen nach Party Metal. Würdest
du diesen Begriff für die simpleren Rockstücke akzeptieren?
RT: Ach wie schön. Bei zwei Stücken vielleicht, okay.
SHARK: Manchmal klingt ihr euch wie Spandau Ballet oder Duran
Duran...
RT: Das sehe ich eher andersherum. Ich bin mit Mitgliedern
beider Bands befreundet, die haben viel von uns gelernt.
SHARK: Danke, das wollte ich hören. Nächste Frage. In so
ziemlich allen Fußballstadien der westlichen Welt erhallt ,,We Are
The Champions" aus der Fankurve. Welche Beziehung habt ihr zu Fußballfans?
Was Fühltest du nach Sheffield?
RT: Ich habe das Sheffield-Desaster nicht am gleichen Tag
mitbekommen, da ich unterwegs war. Erst einen Tag später sah ich die
Bilder. Es war wie ein Albtraum. Und glaub mir, englischer Fußball,
das ist ein Albtraum. Diese Aggression, die von den Leuten ausgeht.
die eigentlich nicht im Stadion sind, um ein Fußballspiel zu sehen.
Ich sehe keine Verbindung zwischen unserer Musik und diesen Hooligans.
SHARK: Das war auch gar nicht die Frage. Ehrt es euch denn
nicht, daß die Fans seit mehr als einem Jahrzehnt euer Lied singen?
RT: Absolut.
SHARK: Zum nächsten Gigantismus. Ihr habt euch früher viel um
Soundtracks gekümmert. FLASH GORDON, METROPOLIS.....
RT: Hmmm. METROPOLIS. Na ja. Ich mag den Soundtrack überhaupt
nicht. Moroder kontaktierte uns damals und wollte, daß wir einen Song
beisteuern. Eigentlich hatte er ja mehr an Freddie gedacht, die Band
unterstützte ihn einfach nur für LOVE KILLS. Aber der ganze
Soundtrack ist doch ziemlich daneben.
SHARK: Stimmt
RT: Diese blöde Idee, einen Disco-Soundtrack für ein
visuelles Meisterwerk wie Längs Metropolis zu schreiben. Nee.
SHARK: Aber Soundtracks sind wichtig Für die Karriere einer
Band. Nimm die Bee Gees, die sind doch erst richtig groß durch
SATURDAY NIGHT FEVER geworden.
RT: Da melde ich Protest an. Die waren bereits lange Zeit vor
diesem Film riesengroß. Remember NEW YORK MINING DISASTER, WORDS, 1st
OF MAY...
SHARK: Zu den Soundtracks. Schreibt ihr bald wieder einen oder
produziert ihr gar euren eigenen Film?
RT: Wir haben seit HIGHLANDER keine Soundtracks mehr
geschrieben. Der gefiel mir übrigens auch nicht so gut...
SHARK: Trotzdem toller Film...
RT: Versteh' mich nicht falsch, ich mag den Film ebenfalls.
Aber die Musik ist ein Ding für sich. All diese Wichtigtuer aus dem
Filmbiz, die dir, obwohl oft reichlich unbeleckt, in alles reinreden
wollen. Du mußt dir das ungefähr so vorstellen: Eine Band oder ein
Musiker plant die Musik zu einem Film. Nachdem er sich mit dem Film
lange Zeit auseinandergesetzt hat, beginnt er mit den Kompositionen.
Irgendwann steht dann der Soundtrack und ein Filmheini kommt und
bringt eine Idee ein. Die ist natürlich völlig mies, schmeißt dein
ganzes Konzept um. Bei solchen Jobs kommst du dir vor wie ein
Handlanger.
SHARK: Also vergraulen euch die Fumleute. Ihr werdet keine
Soundtracks in nächster Zeit komponieren?
RT: Nee. Ist mir nicht so wichtig. Wir redeten noch eine Weile
über München. das Hilton, die Rezeptionistinnen. Dem Aufpasser
schien das Gespräch in zu lockeren Bahnen zu verlaufen, sodaß er
sich an unseren Tisch gesellte und mahnend dreinschaute,
klickadiklickadiklick. Ich zuckte schnell den NME aus dem Köfferchen
und ließ Roger Taylor die britische Single-Top 40 kommentieren.
RT: Die Bängles (ETERNAL FLAME). Sind gut. Ich hasse Simph Red
(IF YOU DON'T KNOW ME BY NOW). Transvision Vamp (BABY I DON'T CARE),
miese Platte, großartiges Girl. Ich sollte sie produzieren. Wieviele
gute Songs die haben, die nicht auf der LP zu finden sind. Tolles Mädchen,
wirklich.
Holly Johnson (AMERICANOS). Talentierter Kerl.
Die meisten Bands kenne ich überhaupt nicht. Ah, U2 (with BB
King). Haben 'ne gute Platte gemacht. INXS (MYSTIFY). Das ist eine
hervorragende Band.
Midnight Oil (BEDS ARE BLIRNING) haben bei uns einen Hit?!? Super
Band. Wundert mich, daß die in England ein Bein an die Erde kriegen.
SHARK: Außer Metallica ist überhaupt keine Hardrock-Band in
den britischen Charts...
RT: Bei uns gibt es keine Alben wie Leo Zeppelin II mehr.
(Schaut weiter durch die Charts). Iiihh. Ich hasse Zeug wie Swing Out
Sister oder die Blow Monkeys. Morrissey (INTERESTING DRUG) gibt seinen
miesen Songs immer gute Titel. Aber, Schluß jetzt. in den britischen
Charts findest du sowieso höchstens ein oder zwei gute Songs oder
Alben. Ich ziehe eigentlich die amerikanischen Charts vor, die sind
nicht so old-fashioned, da finde ich mehr Sachen, die mich
interessieren.
SHARK: In den US-Charts Findest du auch Def Leppard, englischen
Hardrock.
RT: Die sind schwer von uns beeinflußt, bedeuten mir persönlich
aber überhaupt nichts. Ich find' Def Leppard nicht sonderlich
aufregend oder charismatisch.
SHARK: Was magst du überhaupt?
RT: Ich lese gern gute Bücher.
SHARK: Zum Beispiel?
RT: „Der Fürst Der Fantome" von Anthony Burgess.
SHARK: Mit welchem Charakter dieses Sittengemäldes unseres
Jahrhunderts kannst du dich besonders identifizieren. Mit dem erzählenden
Schwerenöter, dem verspäteteten Futuristen oder gar mit dem dicken
Papst?
RT: Mit dem Autor.
Wir diskutierten noch über das Clockwork Testament, über die
Reaktionen der Öffentlichkeit auf Stanley Kubricks Visualisierung von
CLOCKWORK ORANGE, einigten uns darauf, daß Burgess der größte
lebende Autor überhaupt sei, als plötzlich der Gorilla mich von
Roger Taylor und aus dem Schöngeist wegriß. Taylor schaute wieder
aus dem Fenster, um sich für die nächste Runde des
Interview-Marathons vorzubereiten. „Nice conversation", rief er
mir noch nach, als ich aus dem Raum gedrängt wurde. Really. |