Rock'N Regina. Die Smartosaurier der Rockevolution

Shark, 1989

Hai Poser! Led Zeppelin habt ihr nun durchgecovert. Bevor Ihr Euch auf der Suche nach einem Nachfolge-Wirtstier in irgendwelchen obskuren Gefilden verirrt, blickt doch zum Königshof des Rock'n'Roll hinauf und nehmt QUEEN bei der Hand, hört ihre zwölf Studioalben, bevorzugt das aktuelle, „THE MIRACLE", und versucht doch dieses blaue Blut auszusaugen, um Eure Ideen-Anämie zu übertünchen. Doch seid vorsichtig, denn Queen ist vielleicht der einzige Rocksaurier auf Erden, der sich nicht dem Evolutionsprinzip beugte, also nicht nach dem Motto „viel Masse, wenig Hirn" zu Boden ging. Uwe Deese traf die Rock'n Regina in luftiger Höhe.

Wenn Dir in unseren Breiten die Chance geboten wird, mit jemandem von Queen zu sprechen, kannst Du mit Sicherheit davon ausgehen, daß dieses Palaver in München. der Deutschland-Residenz der Band, stattfindet. Zweieinhalb Alben haben die Rock-Royallsten hier aufgenommen, Freddie Mercury war dort, bevor er katalonien entdeckte, zeitweise permanent unter der mollig-matriachalischen Obhut von Barbara Valentin anzutreffen, wenn man den Klatsch-Kolumnen des Baby Schimmerlos-Originals Glauben schenken durfte. Mein Termin findet im 23.Stock des Hilton am Tucherpark zwischen Banken und anderen Geldraffern statt. Gitarrist Brian May ist mir als Interview-Partner avisiert worden, obwohl ich eigentlich viel lieber mit Roger Taylor, Queen-Drummer und Großpop-Produzent, konversieren möchte. Mein Date ist auf 19 Uhr terminiert, ich bin der x-te Ausfrager an diesem sonnigen Tag.

Brian May und Roger Taylor sind in der exponierten Bar des Hiltons anwesend, Freddie Mercury und John Deacon sind nicht mit über den kleinen Teich gekommen. Beide tragen Sonnenbrillen, beide geben sich irgendwie geziert. Brian May schreitet im edlen Cut. der durch einen old-fashioned Binder am seidigen Hemd zu vollendeter konservativer Eleganz stilisiert wird, durch die VIP-Bar; Roger Taylor wirkt ein wenig fahriger, er schaut während der Interviews, die ich beobachte, scheinbar desinteressiert aus dem Fenster. Nun ist es 20 Uhr, jetzt bin ich dran. Ein Schnösel schmeißt sich in Groupie-Manier dem Gitarristen an den Hak, zerrt ihn in die Interview-Sitzecke. Prima. Das Schicksal ist auf meiner Seite. Roger Taylor nimmt sich

SHARK 10 zur Hand, findet es äußerst geschmackvoll, daß wir Michael Hutchence von INXS auf dem Cover haben. Er spricht extrem leise und kontrolliert, nenne es borniert, nenne es routiniert. Wir plaudern ein wenig, bis der Queen-Gorilla kommt und wie weiland Hans Rosenthal auf die Stoppuhr drückt: ..ab jetzt dreißig Minuten", Dalli, klick!

SHARK: Mir gefällt „The Miracle" ziemlich gut, tolle Mischung aus Dancefloor, Oppulent-Rock und Party Metal. Originell ist auch das Cover, diese Verschmelzung eurer Köpfe zu einem.

RT: Ja, ein Kopf mit fünf Augen.

SHARK: Alle Songs sind diesmal von QUEEN geschrieben, die Autoren-Hierarchie früherer Tage scheint ad acta gelegt, ist euer Zusammengehörigkeitsgefühl stärker denn je?

RT: Nun, alle Songs sind von Queen geschrieben worden. Übersetzt heißt das ungefähr, daß wir all unsere Ideen gesammelt haben und so lange daran herumfeilten, bis daraus Songs entstanden, die uns gefielen.

SHARK: Wie arbeitet ihr heute überhaupt? Trefft ihr euch regelmäßig, probt ihr zusammen oder komponiert ihr eure Songs per DFÜ.

RT: Wir haben seit unserer letzten Tour erst einmal pausiert, jeder ist seinen eigenen Projekten nachgegangen. Kurz| vor Weihnachten entschlossen wir uns, wieder eine Platte aufzunehmen. Die sollte im Januar dieses Jahres fertig sein, hatten wir uns vorgestellt. Aber es dauerte länger, weil dauernd irgendwer von uns kam und neue gute Ideen anschleppte. Es waren viele hervorragende Anstöße dabei und es machte wirklich Spaß, diese Ansätze auszuarbeiten. Ich glaube, es waren letztendlich 33 Songs, die wir hätten aufnehmen können, es dauerte also zusätzlich einige Zeit, bis wir die besten heraussiebten

SHARK: Die Manigfaltigkeit der Ideen findet sich auf „The Miracle" wieder. Das beste Beispiel für den Stilmix - oder mein Favorit - ist „Invisible Man" mit diesem maschinellen Bass-Groove, den Jack-Effekten hier und da und der Keith Richards-Gitarre von „Under Cover.." als Breakbringer....

RT: Danke, das war urspünglich meine Idee, hört sich an wie Suicide auf Mescalin.

SHARK: Meinst du mit Suicide Selbstmord oder Alan Vegas Suicide?

RT: Hmmm....wohl mehr Alan Vegas Suicide...

SHARK: Mochtest du Alan Vega und Martin Rev?

RT: (druckst rum) Ja, ich glaube ja. Es ist heute ziemlich trendy, Suicide gut zu finden.

SHARK: ...war es schon vor acht Jahren, höre DAF...

RT: Ja, natürlich, Suicide hatten gute Ideen, interessante Ansätze, das ahmen heute einige Bands ein wenig nach. Zum Beispiel Sigue Sigue Sputnik mit ihrer letzten Platte.

SHARK: Du hast Tony James doch geholfen....

RT: Ja, ich habe den ein oder anderen Song co-produziert.

SHARK: Man erzählte mir, ihr hättet das Video zur aktuellen Single „I Want It All" in eurem eigenen Kaufhaus produziert?

RT: Nee, unser Kaufhaus ist bedeutend kleiner. Das Video wurde in einem Londoner Riesenkaufhaus gedreht. Für meinen Geschmack ist es nicht richtig ausgeleuchtet, das Licht kommt nicht unaufdringlich genug, es gleißt wie Bühnenlicht, suppt alles zu.

SHARK: Wer hat das Video denn gedreht?

RT: Dave Mallet. Er hat viele tolle Videos für uns produziert, die für „Radio Gaga" oder „Under Pressure". Er hat auch die wenigen guten Bowie-Clips gedreht. „Ashes To Ashes" zum Beispiel.

SHARK: Apropos Bowie. Eure Plattenfirma veröffentlicht in einem Monat solche Megaseller wie QUEEN, BOWIE aka TIN MACHINE, PAUL McCARTNEY und JOE COCKER.

RT: Oh, Hilfe, Joe Cocker ist groß bei euch?

SHARK: Wohl nur hier, sie haben den alten Kerl irgendwann mal eingemeindet...

RT: Zu deiner Frage. Die Plattenfinnen nehmen, was sie kriegen. Aber, daß Davids neue Plaitte schon raus ist, wundert mich. Ich traf ihn vor kurzem und er meinte, daß der Release sich wohl verschieben würde. Hoffentlich ist seine neue nicht so mies wie die letzte Bowie-Platte...

SHARK: ...oder die vorletzte

RT: ...oder die drittletzte...

SHARK: TIN MACHINE ist okay...

RT: Ja, mit den beiden Stooges, den Sales-Brüdern... Er erzählte mir, die Gruppe solle TIN BAND heißen.

SHARK: ...oder TIN WHITE DUKE BAND...Nun, zurück zu euch. Ihr habt damals GRANDMASTER FLASH mit ANOTHER ONE BITES THE DUST einen Track für seinen Party Mix geliefert. Heute klingen bei INVISIBLE MAN Jack-Trax durch..Ist da eine Wechselwirkung zwischen der Tanz- und der Rockfraktion zu erkennen?

RT: Nicht wirklich. Die eigentlichen Jack-Trax bestehen nur aus billigen Keyboards und Sequenzern. INVISIBLE MAN ist im'Studio quasi live eingespielt worden und nur mit kleinen Keyboard-Sprenkseln versetzt worden. Wenn du das als Jack-Trax bezeichnest. Nun ja.

SHARK: Stampfer wie eure Single klingen nach Party Metal. Würdest du diesen Begriff für die simpleren Rockstücke akzeptieren?

RT: Ach wie schön. Bei zwei Stücken vielleicht, okay.

SHARK: Manchmal klingt ihr euch wie Spandau Ballet oder Duran Duran...

RT: Das sehe ich eher andersherum. Ich bin mit Mitgliedern beider Bands befreundet, die haben viel von uns gelernt.

SHARK: Danke, das wollte ich hören. Nächste Frage. In so ziemlich allen Fußballstadien der westlichen Welt erhallt ,,We Are The Champions" aus der Fankurve. Welche Beziehung habt ihr zu Fußballfans? Was Fühltest du nach Sheffield?

RT: Ich habe das Sheffield-Desaster nicht am gleichen Tag mitbekommen, da ich unterwegs war. Erst einen Tag später sah ich die Bilder. Es war wie ein Albtraum. Und glaub mir, englischer Fußball, das ist ein Albtraum. Diese Aggression, die von den Leuten ausgeht. die eigentlich nicht im Stadion sind, um ein Fußballspiel zu sehen. Ich sehe keine Verbindung zwischen unserer Musik und diesen Hooligans.

SHARK: Das war auch gar nicht die Frage. Ehrt es euch denn nicht, daß die Fans seit mehr als einem Jahrzehnt euer Lied singen?

RT: Absolut.

SHARK: Zum nächsten Gigantismus. Ihr habt euch früher viel um Soundtracks gekümmert. FLASH GORDON, METROPOLIS.....

RT: Hmmm. METROPOLIS. Na ja. Ich mag den Soundtrack überhaupt nicht. Moroder kontaktierte uns damals und wollte, daß wir einen Song beisteuern. Eigentlich hatte er ja mehr an Freddie gedacht, die Band unterstützte ihn einfach nur für LOVE KILLS. Aber der ganze Soundtrack ist doch ziemlich daneben.

SHARK: Stimmt

RT: Diese blöde Idee, einen Disco-Soundtrack für ein visuelles Meisterwerk wie Längs Metropolis zu schreiben. Nee.

SHARK: Aber Soundtracks sind wichtig Für die Karriere einer Band. Nimm die Bee Gees, die sind doch erst richtig groß durch SATURDAY NIGHT FEVER geworden.

RT: Da melde ich Protest an. Die waren bereits lange Zeit vor diesem Film riesengroß. Remember NEW YORK MINING DISASTER, WORDS, 1st OF MAY...

SHARK: Zu den Soundtracks. Schreibt ihr bald wieder einen oder produziert ihr gar euren eigenen Film?

RT: Wir haben seit HIGHLANDER keine Soundtracks mehr geschrieben. Der gefiel mir übrigens auch nicht so gut...

SHARK: Trotzdem toller Film...

RT: Versteh' mich nicht falsch, ich mag den Film ebenfalls. Aber die Musik ist ein Ding für sich. All diese Wichtigtuer aus dem Filmbiz, die dir, obwohl oft reichlich unbeleckt, in alles reinreden wollen. Du mußt dir das ungefähr so vorstellen: Eine Band oder ein Musiker plant die Musik zu einem Film. Nachdem er sich mit dem Film lange Zeit auseinandergesetzt hat, beginnt er mit den Kompositionen. Irgendwann steht dann der Soundtrack und ein Filmheini kommt und bringt eine Idee ein. Die ist natürlich völlig mies, schmeißt dein ganzes Konzept um. Bei solchen Jobs kommst du dir vor wie ein Handlanger.

SHARK: Also vergraulen euch die Fumleute. Ihr werdet keine Soundtracks in nächster Zeit komponieren?

RT: Nee. Ist mir nicht so wichtig. Wir redeten noch eine Weile über München. das Hilton, die Rezeptionistinnen. Dem Aufpasser schien das Gespräch in zu lockeren Bahnen zu verlaufen, sodaß er sich an unseren Tisch gesellte und mahnend dreinschaute, klickadiklickadiklick. Ich zuckte schnell den NME aus dem Köfferchen und ließ Roger Taylor die britische Single-Top 40 kommentieren.

RT: Die Bängles (ETERNAL FLAME). Sind gut. Ich hasse Simph Red (IF YOU DON'T KNOW ME BY NOW). Transvision Vamp (BABY I DON'T CARE), miese Platte, großartiges Girl. Ich sollte sie produzieren. Wieviele gute Songs die haben, die nicht auf der LP zu finden sind. Tolles Mädchen, wirklich.

Holly Johnson (AMERICANOS). Talentierter Kerl.

Die meisten Bands kenne ich überhaupt nicht. Ah, U2 (with BB King). Haben 'ne gute Platte gemacht. INXS (MYSTIFY). Das ist eine hervorragende Band.

Midnight Oil (BEDS ARE BLIRNING) haben bei uns einen Hit?!? Super Band. Wundert mich, daß die in England ein Bein an die Erde kriegen.

SHARK: Außer Metallica ist überhaupt keine Hardrock-Band in den britischen Charts...

RT: Bei uns gibt es keine Alben wie Leo Zeppelin II mehr. (Schaut weiter durch die Charts). Iiihh. Ich hasse Zeug wie Swing Out Sister oder die Blow Monkeys. Morrissey (INTERESTING DRUG) gibt seinen miesen Songs immer gute Titel. Aber, Schluß jetzt. in den britischen Charts findest du sowieso höchstens ein oder zwei gute Songs oder Alben. Ich ziehe eigentlich die amerikanischen Charts vor, die sind nicht so old-fashioned, da finde ich mehr Sachen, die mich interessieren.

SHARK: In den US-Charts Findest du auch Def Leppard, englischen Hardrock.

RT: Die sind schwer von uns beeinflußt, bedeuten mir persönlich aber überhaupt nichts. Ich find' Def Leppard nicht sonderlich aufregend oder charismatisch.

SHARK: Was magst du überhaupt?

RT: Ich lese gern gute Bücher.

SHARK: Zum Beispiel?

RT: „Der Fürst Der Fantome" von Anthony Burgess.

SHARK: Mit welchem Charakter dieses Sittengemäldes unseres Jahrhunderts kannst du dich besonders identifizieren. Mit dem erzählenden Schwerenöter, dem verspäteteten Futuristen oder gar mit dem dicken Papst?

RT: Mit dem Autor.

Wir diskutierten noch über das Clockwork Testament, über die Reaktionen der Öffentlichkeit auf Stanley Kubricks Visualisierung von CLOCKWORK ORANGE, einigten uns darauf, daß Burgess der größte lebende Autor überhaupt sei, als plötzlich der Gorilla mich von Roger Taylor und aus dem Schöngeist wegriß. Taylor schaute wieder aus dem Fenster, um sich für die nächste Runde des Interview-Marathons vorzubereiten. „Nice conversation", rief er mir noch nach, als ich aus dem Raum gedrängt wurde. Really.


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