Brian May

Metal Hammer, 1986

Er setzte und setzt Akzente, zog und zieht nach wie vor Gitarristen vom Heavy Metal bis Main-stream in seinen Bann - der Brian von Queen. Lange Jahre, bevor Eddie van Haien und Co. in Garagen und Bastelkellern ihren Instrumenten von der Stange mit Fräse und Spraydose zu Leibe rückten, bastelten Brian May und sein Vater aus einem alten Stück Kaminholz, einer Messerklinge und ein paar ausrangierten Gitarrenteilen die Gitarre, die zusammen mit Brian May und seiner individuellen Spielweise zum Markenzeichen für Queen wurde. Sein typischer, singender Gitarrenton hebt ihn unverkennbar aus der Masse der Heavy-Gitarristen heraus - einer von den wenigen Heroes, die man mit geschlossenen Augen erkennt. Der METAL HAMMER spähte hinter Saiten und Tonabnehmer.

Brian, nach 1984 ist es um Eure Gruppe Queen sehr ruhig geworden, in der Szene tauchten erste Trennungsgerüchte auf. Dann 1985 Euer phänomenaler Auftritt beim Live Aid-Festival, aber erst 1986 neues Vinyl. zwei gigantische Shows im Wembley, das in Rekordzeit ausverkauft war und jetzt eine Riesentour. Was war an den Gerüchten um einen Split bei Queen wirklich dran?

Pein gar nichts. Es ist immer das selbe: Kaum machen Mitglieder einer bekannten Band Solo-Alben, wie bei uns Roger und Freddie. beginnt die Gerüchteküche zu dampfen. Meine Einstellung hat sich aber nie geändert. Wenn du ein professioneller Musiker bist oder wirst, setzt du dir immer ganz bestimmte Ziele, die du irgendwann einmal erreichen willst. Du hängst dir deine Gitarre um und gehst in deinen Proberaum, probst mit deiner Band. Meistens sitzen dann auch schon mal ein paar

hübsche Mädchen aus der Nachbarschaft bei einer Probe und du spielst Gitarre, schließt die Augen und träumst davon ein Rock'n'Roll-Star zu werden. 10 oder 15 Jahre später erinnerst du dich vielleicht genau an die Probe zurück und an den Blick. den dir deine Nachbarstochter anhimmelnd zugeworfen hat und stellst fest. daß du genau das erreicht hast - du bist ein echter Rock 'n'Roll Star geworden.

Und du fragst dich selber, was musikalisch als Steigerung noch kommen kann?

Genau, das ist es. Sieh mal. wir haben in Südamerika gespielt und alleine Hunderttausende in die Konzertarenen gezogen. Konzertarenen ist im Grunde falsch ausgedrückt, die einzigen Plätze, wo die Leute. die uns sehen wollten, überhaupt reinpaßten, waren die großen Fußballstadien. Dann kam Rock in Rio - 500.000 Menschen bei einer Show, ich werde heute noch unruhig bei dem Gedanken an diese Masse. Das sind Dimensionen, die du dir in deinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hast. Wenn du sie erlebst, merkst du unwillkürlich, daß es ab diesem Punkt keine Steigerung mehr gibt. An diesen Punkt kommen viele Gruppen, das ist bei einer Gigantenkarriere wie wir sie erleben ganz normal. Wir haben zu diesem Zeilpunkt alle Soloprojekte durchgezogen. weil keiner von uns wußte, wie es mit Queen weitergehen sollte.

Euch ist immer wieder der Vorwurf gemacht worden, Queen hätte sich von der harten Rockband der Anfangszeit zu einer Popkapelle verändert.

Ach weißt Du. jede Rockband macht im Laufe ihrer Zeit stilistische Entwicklungen durch. Wenn du dich nie weiterentwickelst, bleibt dir nur noch die Möglichkeit, dich Status Quo zu nennen. Ich möchte nicht wissen, wieviele von den Gitarristen oder Hardrockfans. die uns heute als Popper bezeichnen, vor acht Jahren bei "Tie Your Mother Down" oder "We Will Rock You" total ausgeklinkt sind. Wenn du dich nicht weiterentwickelst, stehst du selber schnell in einer Sackgasse und kommst nicht mehr weiter. Wie viele Heavy Metal Gruppen, wie z.B. Judas Priest, fron Maiden oder die Scorpions. arbeiten mittlerweile mit Synthesizern im Studio und auf der Bühne. Man kann einfach viel mehr Möglichkeiten wahrnehmen. Natürlich regen sich die eingefleischten Fans Anfangs auf und werten einem vor. das man seine Musik verraten hätte. Als wir ..Radio Ga Ga" auf den Markt brachten, schrien und tobten alle -jetzt würden wir Disco-Sound machen, hieß es. Man kann nicht aufjeder Platte einen Song wie "Tie Your Mother Down" haben.

Bei den Konzerten in Mannheim und gestern abend in München konnte man dich erstmalig in der Geschichte von Queen an den Keyboards und am Synthesizer erleben. Wirst Du Dich auf diesem Instrument in Zukunft stärker betätigen?

Ja. mit Sicherheit. Ich bin zwar ein ziemlich konservativer Gitarrist. Auf dem Synthi hat man auch auf der Bühne ganz andere Ausdrucksmöglichkeiten. Ich möchte damit sagen. daß eine Gitarre und ein Synthi vollkommen verschiedene Instrumente sind. Das eine kann das andere nicht ersetzen. Ganz bestimmte Parts unserer Show kann ich mit dem Synthi besser begleiten. "Love Of My Life" muß einfach auf der Gitarre kommen, da gibt es kein Vertun. Erinnere Dich doch nur mal an die Zeit. als elektronische Schlagzeuge aufkamen und alle die Tage des akustischen Drumkits gezählt sahen. So ein totaler Blödsinn -jeder vernünftige Drummer weiß heute, daß gerade in der geschickten Kombination von beidem der Reiz liegt. Jeder Techniker und Ingenieur muß heute einsehen, daß man viel. aber nicht alles kopieren kann. Der Reiz in der Musik liegt doch gerade darin das zu erkennen.

Du bist doch über Jahre hinweg einer der Puristen gewesen, die z.B. immer nur auf einer Gitarre gespielt haben. Um Deine E-Gitarre haben sich im Laufe der Zeit die wildesten Legenden gerankt. Niemals bist Du von Deinem Standpunkt, keine andere Gitarre zu spielen, abgewichen. Wie kommt es, daß du heute, nach 13 Jahren Queen, zugibst, bestimmte Passagen für die Show nicht optimal spielen zu können?

Mit meiner Gitarre habe ich immer optimales für Queen leisten können. Wir haben im Laufe der Jahre einiges verändert, aber die Gitarre ist geblieben. Ich möchte mal ganz trocken behaupten, daß mein Gitarrensound neben der Stimme von Freddie ein Marken- und Erkennungszeichen geworden ist. Ich wollte eben nur sagen, daß ich nach wie vor meine Gitarre spiele, neuen Technologien aber wesentlich aufgeschlossener gegenüberstehe als früher. Wenn mir heute einer erzählt. daß auch in zehn Jahren außer einer Gibson und einem Marshall nichts für ihn in Frage käme. macht sioh diese Person etwas vor und zwar gewaltig.

Du spielst aber nach wie vor Deine Gitarre?

Ja sicher. Das heißt aber nicht, daß ich nichts außer diesem Instrument spiele.

Um dieses Instrument gibt es die wildesten Theorien und Anekdoten. Hast Du sie wirklich, wie immer behauptet wird, selber gebaut?

Ja sicher. Zusammen mit meinem Vater, als ich 18 Jahre alt war. Wieso kamt Ihr auf die Idee, ausgerechnet Deine Gitarre selber zu bauen? Hattet Ihr schon vorher Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln können? Nein. Keiner von uns war Schreiner oder so etwas. Was wir gemacht haben. war die damals gebräuchlichen Gitarren, das liegt schon über zwanzig Jahre zurück, genauer anzusehen und mit unseren eigenen Ideen Neues zu schaffen. Ein großes Problem bei den damaligen Gitarren waren die Tonabnehmer. Ich wollte eine ganz spezielle Art von Rückkopplung erzeugen können, was mit den meisten Tonabnehmern damals unmöglich war. Jimi Hendrix war der erste, der Tonabnehmer für das genaue Gegenteil einsetzte. Er benutzte ein Feedback von den Saiten und nicht von den Tonabnehmern zu diesem Zweck. Eine Gitarre muß im Rückkoppeln richtig singen können. Dafür brauchst du Tonabnehmer mit einem hohen Widerstand.

Wenn Ihr keine damals herkömmlichen Tonabnehmer verwendet habt, wie seit Ihr dann zu einer Lösung gekommen?

Zu Beginn haben wir die Pick-Ups selber gedreht. Wenn du so etwas zum ersten Mal machst, hast du fast nur Ausfälle. Man braucht Leute mit Erfahrung. Damals einen Mann wie Larry DiMarzio. Seymour Duncan oder Bill Lawrence. und wir hätten uns viele Experimente sparen können. Irgendetwas stimmte aber mit der Polung der Tonabnehmer nicht. jedenfalls gaben die Pick-Ups immer recht seltsame Geräusche von sich. Gott sei Dank hatte ich einen Freund, der Gitarrenbastler war und eine Vibra Artist E-Gitarre von Burns besaß. Die stammte aus dem Jahre 61 oder 62 und war mit drei wunderbaren Tri Sonics Single-Coil Tonabnehmern bestückt. Glücklicherweise konnten wir ihm die drei Pick-Ups abschwatzen. Trotzdem war ich. nachdem wir sie eingebaut hatten, nicht zu frieden. Also wurde wieder alles auseinandergenommen und zum Teil neu entwickelt (lacht). Was ich aber genau mit den Tonabnehmern gemacht habe, kann ich Dir gar nicht mehr genau sagen, da alles mittlerweile 20 Jahre zurückliegt.

Welche Holzarten habt Ihr für die Gitarren selber verwendet?

Du wirst lachen. Der Hals ist aus einem Stück Kaminholz, weißt Du. so ein Stück, das quer über einem Kamin hing. Dieser Mahagonibalken hatte es mir als Kind schon angetan. Er war über 120 Jahre alt.

Und durch den Kamin gut abgelagert und getrocknet?

Genau. Das Interessanteste bei dem Hals meiner Gitarre sind einige Holzwurmlöcher. Aber sowas kommt in 120 Jahren schon mal vor (lacht). Der Korpus besteht aus einem Stück Eichenholz, das wir mit Mahagoni furniert haben, um der Gitarre ein einheitliches Finish zu geben. In diesem Eichenblock haben wir kleinere Aussparungen und Luftlöcher geometrisch angeordnet wie bei einer halbakustischen Gitarre, allerdings ohne die typischen F-Löcber.

Was würdest Du als die wesentlichen Merkmale Deiner Gitarre anderen Serienmodellen gegenüber bezeichnen?

Das sind im wesentlichen drei Dinge. Das flache, aber sehr breite Griffbrett mit den mittlerweile sehr weit runtergespielten Bünden. Dann die Schaltung der Gitarre, und nicht zuletzt das Tremolosystem. das mein Vater und ich damals auch selber entwickelt haben.

Was sind die wesentlichen Bestandteile dieses Systems?

Das Tremolo besteht aus einem Stück Flußstahl. Dieser Stahl war früher mal eine Messerklinge. Ausschlaggebend für uns war damals. daß es vollkommen ohne Nebengeräusche arbeitet und immer wieder in seine Ausgangsposition zurückkehrt. Alles ist unheimlich einfach. nur durch ein paar Federn ausbalanciert und kann von Hand justiert werden.

Deine Gitarre und die Tonabnehmer, die du mittlerweile schon über 20 Jahre spielst, sind seit einiger Zeit auch als Serienmodelle auf dem Markt. Guild baut ein Brian May Gitarrenmodell, Larry DiMarzio hat einen Brian May Tonabnehmer herausgebracht. Wie nahe kommen diese Serienprodukte dem Original?

Beide waren nicht die ersten, die sich den Kopfüber meine Gitarre zerbrachen. Was unter dem Strich dabei herausgekommen ist. sind Kopien. die dem Original sehr nahe kommen. Ich würde als Gitarrist aber nie eine Gitarre spielen, die den Namen eines anderen Gitarristen tragen würde. Als Brian May möchte ich auf meinem Instrument emstgenommen werden. Jeder Gitarrist sollte sich vordem Glauben hüten, mit einer bestimmten Gitarre oder Marke auch einen bestimmten Sound kopieren zu können. Die typische Spielweise eines Gitarristen kann man nicht kopieren, einen bestimmten Sound auch nicht, es sei denn. man gibt seinen eigenen Stil vollkommen auf. Warum ist Yngwie Malmsteen wohl so oft mit Ritcbie Blackmore verglichen worden? Ich habe z.B. einen fürchterlichen Spielstil. Meine Saiten sind ziemlich dick. es gab mal eine Zeit. als ich ein altes fleckiges englisches Geldstück als Plec verwendet habe. Da geben die Saiten natürlich schon mal den Geist auf.

Welche Bedeutung kommt Deiner Ansicht nach dem Einsatz von Effektgeräten für den Gitarrensound zu?

Ich bin ein großer Fan von Effekten. wenn sie. und da lege ich großen Wert drauf, gezielt eingesetzt werden. Auf der Bühne schränke ich mich. was den Einsatz von Effekten betrifft, so gut es geht ein. Ein guter Chorus und Flanger oder ein schönes langes Delay ergeben oft das Salz in der Suppe. Meistens legt diese Effekte aber unser Soundmixer auf den PA Sound bzw. auf die Monitore. Die meiste Zeit eines Konzerts spiele ich fast clean über meine Amps.

In Mannheim habt Ihr mit Fish von Marillion ein Stück zusammen gespielt. Die Publikumsreaktion war großartig. Werdet Ihr in Zukunft sowas öfter machen?

Wenn genügend andere Musiker in der Nähe sind (lacht). Das hatte sich so ergeben. Maßgeblichen Einfluß hatte unser Auftritt beim Live Aid-Festival letzten Juli im Wembtey. Es war. als wenn wir danach aus einem Dornröschenschlaf erwacht wären. 'Aufeinmal hatten wir wieder Bock. Songs zu schreiben, aufzutreten und mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten. Das Publikum im Wembley und die Kollegialität der anderen Musiker haben damals die Lust in uns wieder geweckt. Mit Sängern wie Fish macht es einfach Spaß. mal eine kleine Session auf der Bühne abzuziehen. Das sollte man etwas locker sehen. Wir singen zwar nach wie vor "We Are The Champions". doch es gibt auch noch viele andere Supermusiker. Das sollte man nie vergessen.

Technische Übersicht:

Gitarren: Brian May Marke Eigenbau
Tonabnehmer: Burns Tri Sonics
Verstärker: Vox AC 30
Saiten: 010 Sätze Verschiedene Marken
Tremolo: Brian May Marke Eigenbau
Effekte: Chorus, Flanger, Echo


©2000 Alex Smirnov. All rights reserved