Brian May
Als Freddie Mercury starb, starb mit ihm auch die Rock-Legende
Queen. Aber nicht nur Freddies Stimme war es, die den Sound der Band
so einzigartig machte. Von ganz entscheidender Bedeutung war auch die
Gitarre des Brian May. Unverkennbar sein zuweilen fast symphonisches
Spiel, das ihn zu einem der wichtigsten Vertreter sei ner Zunft
machte. Gut also, daß der Mann nach dem Ende der Gruppe sich nicht in
entlegene private Winkel verkroch, sondern vor wenigen Tagen mit
seinem Solo-Album "Back To The Light" wieder auf sich
aufmerksam machte. Bei dem Gespräch mit dem Mann, der so heißt wie
der Wonnemonat, war das aber nur einer von vielen Aspekten.
Zunächst ging es um das "Tribute For Freddie
Mercury"-Konzert im Londoner Wembley Stadion, dessen großer
Initiator Brian war. Die Erlöse der Veranstaltung sollten der
AIDS-For-schung zugute kommen, durch den deutschen Blätterwald aber
rauschte es, daß ganz im Gegenteil erhebliche Verluste eingefahren
wurden. "Oh no, das ist kompletter Unsinn. Einige Idioten in
England haben das in Umlauf gebracht totaler Schwachsinn! Es
wurden erhebliche Gewinne gemacht, die auch schon längst den
entsprechenden Forschungs-projekten zugewiesen wurden. Dies war aber
nicht das Hauptansinnen des Konzertes. In erster Linie sollte Freddies
Leben und Schaffen gewürdigt, in zweiter Linie das Bewußtsein für
diese fürchterliche
Krankheit geschärft werden. Dennoch gab es einen Gewinn von
mehreren Millionen Pfund." Ich persönlich hatte vor Ort den
Eindruck, daß Brian erst in diesem Moment so richtig begriffen
hat, daß Freddie nicht mehr lebt, diese Veranstaltung für ihn
quasi ein Vehikel zur Realisierung der Tatsachen und für den
Ab-schied von Freddie war. "Ja, das stimmt, dieses Gefühl
hatte ich, denn seine Beerdigung war sehr merkwürdig. Da wurde kein
Wort Englisch gesprochen, nichts wurde über den Menschen Freddie
gesagt. Das war eine ausschließlich religiöse Geschichte. Ja, das
Tribute war für uns eine Art Auf-Wiedersehen-Sagen, was für uns alle
verdammt hart war." Konnte man dadurch besser mit den
Tatsachen umgehen? "Ich denke schon. Aber wir haben
es auch für die Fans getan, weil die bis dahin auch keine
Gelegenheit hatten, ihre Gefühle zu artikulieren. Und die waren so
stark, daß es uns fast schokkiert hat. Sie kamen aus aller Welt, was
uns zeigte, wie viele Menschen er berührt hat. Wir sahen ihn immer
nur als Freund, so daß wir diese Reaktion nicht erwartet hatten.
Alleine dafür hat es sich gelohnt!"
Um so überraschender - so könnte man meinen - kam das schnelle
May-Solo-Album. "Die Planung des Konzertes fiel in die gleiche
Zeit wie die Album-Produktion. Aber wie Du weißt, geht die
Entstehungs-Geschichte der Platte viel weiter zurück. Ich habe
bereits seit fünf Jahren daran gearbeitet. Vor anderthalb Jahren habe
ich mich dann definitiv entschieden, die Sache zu vollenden. Wegen
Freddie hatte ich aber irgendwie ein mulmiges Gefühl dabei. Als die
erste Single 'Driven By You' in England rauskam, fragte ich
ihn, ob es für ihn okay sei, denn ich hatte ein beschissenes Gefühl
dabei, weil ich ja wußte, daß ich ihn bald verlieren würde. Er aber
sagte mir, daß er total hinter mir stehen würde." Waren denn
alle Songs schon für die Solo-CD geplant oder doch noch - zumindest
teilweise - für Queen? "Um ehrlich zu sein: Ich habe die Stücke
für mich geschrieben. Aber ich hatte auch schon vorher Nummern
geschrieben, die ich eigentlich für mich selbst benutzen wollte, die
dann aber doch bei Queen landeten. Wenn die Solo-Scheibe nicht
definitiv angestanden hätte, wäre vermutlich der eine oder andere
Track doch noch auf die letzte Queen-Platte gekommen. Es ist natürlich
so, daß über all die Jahre mein bestes Material stets für Queen
genutzt wurde - allein schon, weil ich sie von Freddie gesungen haben
wollte. Aber, um zur Frage zurückzukommen, die Stücke für diese
Platte wurden mit einem bestimmten Thema im Kopf geschrieben. Der
erste Song war der Titel-Track 'Back To The Light'. An diesem
Punkt hoffte ich, auf eine Art Reise zu gehen, an deren Ende ich das
Licht finden würde - ein Versuch, die Geschehnisse zu verstehen. Ich
war nämlich zu dieser Zeit in einer total depressiven Phase und
hoffte, die Platte würde mir da heraushelfen. Das tat sie dann auch
bis zu einem gewissen Punkt. Ich habe zwar nicht alle Antworten
bekommen und auch nicht das Licht gefunden, aber immerhin machte ich
eine Art von Reise." Einige der Tracks hätten dennoch auch prima
zu Queen gepaßt. "Stimmt! 'Too Much Love Will Kill You'
haben wir auch mit Queen aufgenommen, es wurde aber nie veröffentlicht.
Das kommt ja vielleicht noch (dazu später noch mehr, d. Verf.),
und dann können die Leute beide Versionen vergleichen. Ich bevorzugte
jetzt die simple Auslegung im Vergleich zu dem Queen-Overkill, den wir
im Sinne gehabt hätten." Schön und gut. War es aber nicht ein
merkwürdiges Gefühl, jetzt mit völlig anderen Musikern an einer
Platte zu arbeiten? "Doch, und wie! In gewisser Weise habe ich
das auch sehr genossen, weil wir in der Band quasi über jede einzelne
Note diskutierten. Jetzt hatte ich die Freiheit, ausschließlich nach
meinen Vorstellungen zu arbeiten. Andererseits fehlten mir die anderen
irgendwie, auch ihr Input. Insofern war ich froh, als Cozy Powell kam
und einige Sachen machte. Ich brauche halt die Zusammenarbeit mit
anderen Musikern. Ich glaube nicht, daß ich so viele Solo-Alben
machen kann - ich brauche ein Bandgefüge. Aber verstehe mich nicht
falsch: Diese
Platte mußte eine Solo-Sache werden. Ich wollte mich an den
eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen und wieder auf eigenen Beinen
stehen." Also auch ein Versuch, die Trauer aus dem Kopf zu
verbannen! "Absolut! Das war meine Art, mit dem Problem umzugehen
- ich fühlte mich ja total desorientiert! Das Wissen um Freddies
nahenden und dann sein wirklicher Tod waren furchtbar für mich. Ich
mußte mich einfach noch tiefer in die Arbeit stürzen, um durch diese
Krise zu kommen." Wiewar eigentlich das Bandgefühl, seit man von
Mercurys Erkrankung wußte? Die letzte Platte, "Innuendo",
war sehr melancholisch und depressiv. Eine unmittelbare Folge?
"Natürlich, das mußte auch so sein. Ich hatte das dringende Bedürfnis,
Sachen zu schreiben, die meine Gefühle oder Freddie's, wie ich mir
sie vorstellte, reflektierten. Ich kann dir wirklich nicht alle Phasen
beschreiben, die wir durchmachten. Teilweise war es fast so, als sei
man ein Teil eines Theaterstückes, und man konnte einfach nicht
glauben, daß es wahrwar. Es wurde aber immer realer, Freddie mußte
sehr leiden. Es war schlimm, das mit ansehen zu müssen."
Stimmt es eigentlich, daß noch eine weitere komplette Queen-Platte
auf Halde liegt? "Da ist noch etwas Material, aber niemand weiß
im Moment, ob das noch ein komplettes Album ist. Ich weiß definitiv
nur von zwei Songs, die schon so weit gediehen sind, daß man sie
vervollständigen und veröffentlichen könnte. Beide sind sehr
speziell und bewegend. Ich weiß aber nicht, ob da noch mehr ist, nur,
daß wir auf jeden Fall noch irgend etwas herausbringen werden. Ich
denke aber auch, daß es falschwäre, Sachen zu veröffentlichen, die
nicht den gewohnten Standard haben - das wäre eine Schande."
Und was kommt jetzt für Brian, wie stellt er sich sein weiteres
Leben, seine Karriere vor? "Ich hoffe, daß 'Back To The Light'
ein Schritt in einen neuen Karriere-Abschnitt ist, wobei die Singerei
für mich die größte Herausforderung ist. Ich habe zwar schon bei
einigen Queen-Stücken gesungen, aber noch nie auf einer ganzen
Platte. 70% der Zeit gingen allein dafür drauf. Ich sah mich nie als
Sänger und werde dies wohl auch nie tun. Es war aber für mich die Möglichkeit,
exakt das auszudrücken, was ich fühlte. Sieh dir Bob Dylan an: Der
kann auch nicht richtig singen, man will seine Songs aber von ihm hören,
weil sie direkt von Herzen kommen." Wo aber ist die Motivation,
nachdem man Mitglied einer der größten Rock-Bands aller Zeiten war?
"Es ist die gleiche, wie ganz zu Anfang mit Queen. Musik ist in
sich und fürsich alleine lebendig, kann viel bewirken, zum Beispiel
Geld für wohltätige Zwecke zusammenbringen, hihi. Mich treibt der
Wille voran, Musik neuer und besser zu machen. Das war immer meine
Triebkraft, mein Traum. Ich habe dieses Album nicht für Geld gemacht,
sondern weil ich Musik liebe. Vor allem hoffe ich auch, dadurch mal
wieder live spielen zu können. Das habe ich in den letzten Jahren
doch sehr vermißt. Das war sehr frustrierend, denn für mich war das
immer der wichtigste Aspekt unserer Arbeit. Sechs Jahre nicht live zu
spielen, war eine Tortur. Aber Freddie hatte Angst, daß er den
Energie-Level nicht würde halten können. Er wußte auch, daß wir
darunter litten, aber es ging halt nicht." Wird Brian sich denn
jetzt eine feste Band zulegen, odersich je nach Bedarf Musiker suchen?
"Das ist eine Frage, mit der ich zur Zeit noch kämpfe. Im Moment
habe ich nur eine gewisse Vorstellung von meiner Live-Band: Ich hätte
gerne Cozy Powell und Neil Murray dabei -für mich die beste
Rhythm-Section überhaupt (man erinnere sich daran, wie grandios
die beiden bei Black Sabbath zusammengespielt haben - d. Verf.).
Mal sehen, was da läuft. Auf der anderen Seite möchte ich aber auch
die Freiheit behalten, das zu tun, was ich möchte -ich will mich
nicht verplanen lassen." Wird man bei seinen Konzerten auch
Queen-Songs hören? "Die Show wird zwar nicht darauf aufbauen,
aber einige Sachen werden wir sicher spielen • die Leute werden sie
wohl hören wollen. Und ich habe keine Probleme damit. Ich muß mir
nicht erst beweisen, daß ich es auch alleine kann." Und wann
wird es soweit sein? "Wahrscheinlich im Frühjahr! Ich kann es
Dir gar nicht sagen, wie sehr ich es vermisse. Als ich heute nach
Hamburg kam, fragte ich den Fahrer: 'Wo ist der Gig? Wo kann ich
spielen?' The real thing is to play!"
Jan Michael Dix |