Brian May

Metal Star, 1992

Als Freddie Mercury starb, starb mit ihm auch die Rock-Legende Queen. Aber nicht nur Freddies Stimme war es, die den Sound der Band so einzigartig machte. Von ganz entscheidender Bedeutung war auch die Gitarre des Brian May. Unverkennbar sein zuweilen fast symphonisches Spiel, das ihn zu einem der wichtigsten Vertreter sei ner Zunft machte. Gut also, daß der Mann nach dem Ende der Gruppe sich nicht in entlegene private Winkel verkroch, sondern vor wenigen Tagen mit seinem Solo-Album "Back To The Light" wieder auf sich aufmerksam machte. Bei dem Gespräch mit dem Mann, der so heißt wie der Wonnemonat, war das aber nur einer von vielen Aspekten.

Zunächst ging es um das "Tribute For Freddie Mercury"-Konzert im Londoner Wembley Stadion, dessen großer Initiator Brian war. Die Erlöse der Veranstaltung sollten der AIDS-For-schung zugute kommen, durch den deutschen Blätterwald aber rauschte es, daß ganz im Gegenteil erhebliche Verluste eingefahren wurden. "Oh no, das ist kompletter Unsinn. Einige Idioten in England haben das in Umlauf gebracht totaler Schwachsinn! Es wurden erhebliche Gewinne gemacht, die auch schon längst den entsprechenden Forschungs-projekten zugewiesen wurden. Dies war aber nicht das Hauptansinnen des Konzertes. In erster Linie sollte Freddies Leben und Schaffen gewürdigt, in zweiter Linie das Bewußtsein für diese fürchterliche

Krankheit geschärft werden. Dennoch gab es einen Gewinn von mehreren Millionen Pfund." Ich persönlich hatte vor Ort den Eindruck, daß Brian erst in diesem Moment so richtig begriffen hat, daß Freddie nicht mehr lebt, diese Veranstaltung für ihn quasi ein Vehikel zur Realisierung der Tatsachen und für den Ab-schied von Freddie war. "Ja, das stimmt, dieses Gefühl hatte ich, denn seine Beerdigung war sehr merkwürdig. Da wurde kein Wort Englisch gesprochen, nichts wurde über den Menschen Freddie gesagt. Das war eine ausschließlich religiöse Geschichte. Ja, das Tribute war für uns eine Art Auf-Wiedersehen-Sagen, was für uns alle verdammt hart war." Konnte man dadurch besser mit den Tatsachen umgehen? "Ich denke schon. Aber wir haben

es auch für die Fans getan, weil die bis dahin auch keine Gelegenheit hatten, ihre Gefühle zu artikulieren. Und die waren so stark, daß es uns fast schokkiert hat. Sie kamen aus aller Welt, was uns zeigte, wie viele Menschen er berührt hat. Wir sahen ihn immer nur als Freund, so daß wir diese Reaktion nicht erwartet hatten. Alleine dafür hat es sich gelohnt!"

Um so überraschender - so könnte man meinen - kam das schnelle May-Solo-Album. "Die Planung des Konzertes fiel in die gleiche Zeit wie die Album-Produktion. Aber wie Du weißt, geht die Entstehungs-Geschichte der Platte viel weiter zurück. Ich habe bereits seit fünf Jahren daran gearbeitet. Vor anderthalb Jahren habe ich mich dann definitiv entschieden, die Sache zu vollenden. Wegen Freddie hatte ich aber irgendwie ein mulmiges Gefühl dabei. Als die erste Single 'Driven By You' in England rauskam, fragte ich ihn, ob es für ihn okay sei, denn ich hatte ein beschissenes Gefühl dabei, weil ich ja wußte, daß ich ihn bald verlieren würde. Er aber sagte mir, daß er total hinter mir stehen würde." Waren denn alle Songs schon für die Solo-CD geplant oder doch noch - zumindest teilweise - für Queen? "Um ehrlich zu sein: Ich habe die Stücke für mich geschrieben. Aber ich hatte auch schon vorher Nummern geschrieben, die ich eigentlich für mich selbst benutzen wollte, die dann aber doch bei Queen landeten. Wenn die Solo-Scheibe nicht definitiv angestanden hätte, wäre vermutlich der eine oder andere Track doch noch auf die letzte Queen-Platte gekommen. Es ist natürlich so, daß über all die Jahre mein bestes Material stets für Queen genutzt wurde - allein schon, weil ich sie von Freddie gesungen haben wollte. Aber, um zur Frage zurückzukommen, die Stücke für diese Platte wurden mit einem bestimmten Thema im Kopf geschrieben. Der erste Song war der Titel-Track 'Back To The Light'. An diesem Punkt hoffte ich, auf eine Art Reise zu gehen, an deren Ende ich das Licht finden würde - ein Versuch, die Geschehnisse zu verstehen. Ich war nämlich zu dieser Zeit in einer total depressiven Phase und hoffte, die Platte würde mir da heraushelfen. Das tat sie dann auch bis zu einem gewissen Punkt. Ich habe zwar nicht alle Antworten bekommen und auch nicht das Licht gefunden, aber immerhin machte ich eine Art von Reise." Einige der Tracks hätten dennoch auch prima zu Queen gepaßt. "Stimmt! 'Too Much Love Will Kill You' haben wir auch mit Queen aufgenommen, es wurde aber nie veröffentlicht. Das kommt ja vielleicht noch (dazu später noch mehr, d. Verf.), und dann können die Leute beide Versionen vergleichen. Ich bevorzugte jetzt die simple Auslegung im Vergleich zu dem Queen-Overkill, den wir im Sinne gehabt hätten." Schön und gut. War es aber nicht ein merkwürdiges Gefühl, jetzt mit völlig anderen Musikern an einer Platte zu arbeiten? "Doch, und wie! In gewisser Weise habe ich das auch sehr genossen, weil wir in der Band quasi über jede einzelne Note diskutierten. Jetzt hatte ich die Freiheit, ausschließlich nach meinen Vorstellungen zu arbeiten. Andererseits fehlten mir die anderen irgendwie, auch ihr Input. Insofern war ich froh, als Cozy Powell kam und einige Sachen machte. Ich brauche halt die Zusammenarbeit mit anderen Musikern. Ich glaube nicht, daß ich so viele Solo-Alben machen kann - ich brauche ein Bandgefüge. Aber verstehe mich nicht falsch: Diese

Platte mußte eine Solo-Sache werden. Ich wollte mich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen und wieder auf eigenen Beinen stehen." Also auch ein Versuch, die Trauer aus dem Kopf zu verbannen! "Absolut! Das war meine Art, mit dem Problem umzugehen - ich fühlte mich ja total desorientiert! Das Wissen um Freddies nahenden und dann sein wirklicher Tod waren furchtbar für mich. Ich mußte mich einfach noch tiefer in die Arbeit stürzen, um durch diese Krise zu kommen." Wiewar eigentlich das Bandgefühl, seit man von Mercurys Erkrankung wußte? Die letzte Platte, "Innuendo", war sehr melancholisch und depressiv. Eine unmittelbare Folge? "Natürlich, das mußte auch so sein. Ich hatte das dringende Bedürfnis, Sachen zu schreiben, die meine Gefühle oder Freddie's, wie ich mir sie vorstellte, reflektierten. Ich kann dir wirklich nicht alle Phasen beschreiben, die wir durchmachten. Teilweise war es fast so, als sei man ein Teil eines Theaterstückes, und man konnte einfach nicht glauben, daß es wahrwar. Es wurde aber immer realer, Freddie mußte sehr leiden. Es war schlimm, das mit ansehen zu müssen."

Stimmt es eigentlich, daß noch eine weitere komplette Queen-Platte auf Halde liegt? "Da ist noch etwas Material, aber niemand weiß im Moment, ob das noch ein komplettes Album ist. Ich weiß definitiv nur von zwei Songs, die schon so weit gediehen sind, daß man sie vervollständigen und veröffentlichen könnte. Beide sind sehr speziell und bewegend. Ich weiß aber nicht, ob da noch mehr ist, nur, daß wir auf jeden Fall noch irgend etwas herausbringen werden. Ich denke aber auch, daß es falschwäre, Sachen zu veröffentlichen, die nicht den gewohnten Standard haben - das wäre eine Schande."

Und was kommt jetzt für Brian, wie stellt er sich sein weiteres Leben, seine Karriere vor? "Ich hoffe, daß 'Back To The Light' ein Schritt in einen neuen Karriere-Abschnitt ist, wobei die Singerei für mich die größte Herausforderung ist. Ich habe zwar schon bei einigen Queen-Stücken gesungen, aber noch nie auf einer ganzen Platte. 70% der Zeit gingen allein dafür drauf. Ich sah mich nie als Sänger und werde dies wohl auch nie tun. Es war aber für mich die Möglichkeit, exakt das auszudrücken, was ich fühlte. Sieh dir Bob Dylan an: Der kann auch nicht richtig singen, man will seine Songs aber von ihm hören, weil sie direkt von Herzen kommen." Wo aber ist die Motivation, nachdem man Mitglied einer der größten Rock-Bands aller Zeiten war? "Es ist die gleiche, wie ganz zu Anfang mit Queen. Musik ist in sich und fürsich alleine lebendig, kann viel bewirken, zum Beispiel Geld für wohltätige Zwecke zusammenbringen, hihi. Mich treibt der Wille voran, Musik neuer und besser zu machen. Das war immer meine Triebkraft, mein Traum. Ich habe dieses Album nicht für Geld gemacht, sondern weil ich Musik liebe. Vor allem hoffe ich auch, dadurch mal wieder live spielen zu können. Das habe ich in den letzten Jahren doch sehr vermißt. Das war sehr frustrierend, denn für mich war das immer der wichtigste Aspekt unserer Arbeit. Sechs Jahre nicht live zu spielen, war eine Tortur. Aber Freddie hatte Angst, daß er den Energie-Level nicht würde halten können. Er wußte auch, daß wir darunter litten, aber es ging halt nicht." Wird Brian sich denn jetzt eine feste Band zulegen, odersich je nach Bedarf Musiker suchen? "Das ist eine Frage, mit der ich zur Zeit noch kämpfe. Im Moment habe ich nur eine gewisse Vorstellung von meiner Live-Band: Ich hätte gerne Cozy Powell und Neil Murray dabei -für mich die beste Rhythm-Section überhaupt (man erinnere sich daran, wie grandios die beiden bei Black Sabbath zusammengespielt haben - d. Verf.). Mal sehen, was da läuft. Auf der anderen Seite möchte ich aber auch die Freiheit behalten, das zu tun, was ich möchte -ich will mich nicht verplanen lassen." Wird man bei seinen Konzerten auch Queen-Songs hören? "Die Show wird zwar nicht darauf aufbauen, aber einige Sachen werden wir sicher spielen • die Leute werden sie wohl hören wollen. Und ich habe keine Probleme damit. Ich muß mir nicht erst beweisen, daß ich es auch alleine kann." Und wann wird es soweit sein? "Wahrscheinlich im Frühjahr! Ich kann es Dir gar nicht sagen, wie sehr ich es vermisse. Als ich heute nach Hamburg kam, fragte ich den Fahrer: 'Wo ist der Gig? Wo kann ich spielen?' The real thing is to play!"

Jan Michael Dix


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