Brian May: Freddie Litt Unter Höllischen Schmerzen
BRAVO: Stimmt es, daß der Tod von Freddie Mercury auch die Queen-Ära
beendete?
Brian May: Ja! Roger Taylor. John Deacon und ich können uns nicht
vorstellen, jemals mit einem anderen Sänger aufzutreten. Die Band hat
über zwanzig Jahre lang ohne einen einzigen Line-up-Wechsel überlebt.
Wir haben gemeinsam alle Höhen und Tiefen gemeistert - es war für
uns alle eine unvergeßliche Zeit. die leider viel zu früh zu Ende
ging . .
BRAVO: Wann erfuhr Freddie, daß er HIV-positiv ist, und wann hat
er euch über sein Schicksal aufgeklärt?
Brian: Er selbst erfuhr es 1987. nach der "Live
Magic"-Tour. Zunächst hatte Freddie nur seine engsten Vertrauten
eingeweiht. Das waren seine beste Freundin Mary Austin und Bandmanager
Jim Beach. Uns sagte er bis 1989 nicht, daß er sich mit dem HIV-Virus
infiziert hatte. um uns nicht zu verunsichern. Außerdem wollte er
noch einige Pläne mit Oueen verwirklichen. Später gestand er, daß
er sich nicht sicher war, wie wir auf seine Aids-Infizierung reagieren
würden. Er hatte Angst, daß wir uns daraufhin von ihm trennen würden.
BRAVO: Was aber nicht geschah ...
Brian: Natürlich nicht. Schließlich sind wir vier nicht nur
Bandkollegen, sondern auch Freunde - und Freunde läßt man nicht im
Stich i
BRAVO: Bei den Aufnahmen zu den letzten LPs „The Miracle"
und „Innuendo" war Freddie bereits todkrank. Schier
unglaublich, mit welcher Power und Intensität er dennoch stimmlich
schwierige Songs wie „The Show must go on" sang ...
Brian: Ja. das war wirklich unglaublich. Freddie war ein absoluter
Pertektionist. Er hat sich nie geschont, egal ob im Studio oder auf
der Bühne - immer gab er sein Bestes, und das verlangte er auch von
uns. Während der Produktion von "Innuendo" litt Freddie
unter höllischen Schmerzen, konnte manchmal tagelang nicht gehen,
geschweige denn singen. Als es ihm dann wieder einigermaßen gut ging.
kam er und sang weiter. Stück für Stück. Es war unfaßbar, wie
tapfer er diese furchtbaren Schmerzen ertrug und bis zuletzt dem Tod
trotzte.
BRAVO: Wie habt ihr reagiert, als euch Freddie einweihte?
Brian: Wir waren natürlich schockiert. Aber irgendwie hatte jeder
von uns eine Vermutung. Die Presse hatte ja auch schon ein Jahr vor
Freddies Abteben gemutmaßt. er habe Aids. Trotzdem sprachen wir ihn
nie darauf an - vielleicht ja auch aus Angst, er würde die Gerüchte
tatsächlich bestätigen. Es war uns klar, daß Queen so lange
weiterbestehen würde. wie Freddie die Sache gesundheitlich bewältigen
konnte und wollte. An Tourneen war natürlich seit 1987 nicht mehr zu
denken Das tat Freddie sehr weh, denn er liebte große Auftritte vor
vielen Fans.
BRAVO: Wie habt ihr euch Freddie gegenüber verhalten? Wart ihr
extrem vorsichtig im persönlichen Umgang mit ihm?
Brian: Ich habe mir große Sorgen um Freddie gemacht, aber wir
haben ihn ganz normal behandelt wie immer. Das ist das Beste, was man
tun kann. Wir wollten nicht, daß sich Freddie wie ein Aussätziger fühlt.
Einmal habe ich sogar aus seinem Glas getrunken. Da bekam ich von
Freddie einen Anschiß. Er sagte, ich solle nichts riskieren. Freddies
Krankheit hat die Band noch mehr zusammengeschweißt. Sein tragischer
Tod hat uns sehr mitgenommen. Wir vermissen ihn!
BRAVO: Hast du einen Aids-Test gemacht?
Brian: Ja, hab'ich. Es war mein erster überhaupt, und ich war sehr
besorgt, denn ich hatte früher auch mal ungeschützten
Geschlechtsverkehr. Gott sei Dank fiel der Test negativ aus.
BRAVO: Was für ein Mensch war Freddie eigentlich? War er wirklich
diese exzentrische Diva?
Brian: Er hatte sicherlich seine Macken und war auch ziemlich stur,
wenn er sich mal eine Idee in den Kopf gesetzt hatte. aber man konnte
gut mit ihm auskommen. Freddie war ein großer Diplomat, schlichtete
oft Streits zwischen mir und Roger. Er war stets um Harmonie bemüht,
hatte eine unglaubliche Energie und große Überzeugungskraft und
bestimmte oft, wo's langgeht. Ich habe nie einen strebsameren.
ehrgeizigeren Menschen erlebt. Schon sehr früh wußte Freddie, daß
er etwas Besonderes schaffen wollte, daß er ein Star werden würde.
Dieses Ziel hat er konsequent verfolgt - mit großem Erfolg.
BRAVO: Wurdest du auch zu Freddies Privat-Partys/Orgien eingeladen?
Brian: Nein, Freddie trennte Privatleben und Job. Er hatte einen
sehr kleinen Freundeskreis. Ich wußte nur. daß Freddie seinen
Freunden gegenüber immer sehr großzügig war. Er zahlte ihnen
Flugtickets erster Klasse und machte teure Geschenke. Viele nutzten
das aus. Sobald Freddie das bemerkte, kündigte er den betreffenden
Personen die Freundschaft und sprach nie wieder ein Wort mit ihnen.
BRAVO: Die Frage, die die Queen-Fans am meisten interessiert, ist,
ob es ein weiteres Queen-Album geben wird mit den Songs, die Freddie
noch vor seinem Tod eingesungen hat?
Brian: Freddie hat in der Tat noch auf fünf, sechs Stücken
gesungen, die wir nicht mehr für unser letztes Album
"lnnuendo" verwendet haben. Wir planen, diese Songs zu veröffentlichen.
Bisher steht aber noch kein Veröffentlichungs-termin fest, da wir die
Stücke alle noch mal überarbeiten müssen.
BRAVO: Bei den MTV Video Awards hat Queen den Preis für den besten
Song in einem Kinofilm („Bohemian Rhapsody" in „Wayne's
World") gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!
Brian: Well, thank you! Es war eine große Ehre für uns. diesen
Award im Namen von Freddie Mercury entgegenzunehmen. Freddie hatte
seine wahre Freude an .Wayne's Worid" gehabt. Er hätte diesen
Film geliebt. Freddie hatte einen großartigen Sinn für Humor.
BRAVO: Bei den MTV Awards habt ihr der Magie Johnson-Stiftung einen
Scheck über 300.000 Dollar überreicht. Euer Aidshilfe-Programm geht
also weiter!
Brian: Ja, es kommt immer noch Geld rein vom Freddie Mercury
Tribute Konzert in London. Das geht an die Freddie Mercury-Stiftung,
die Aids-Stationen in lokalen Krankenhäusern unterstützt. Vom
Reinerlös der wiederveröffentlichten "Bohemian
Rhapsody"-Single haben wir bereits über drei Millionen Mark an
den Terence Higgins Trust, der die Aids-Forschung unterstützt, überwiesen.
Wir achten sehr darauf, daß das Geld in die richtigen Kanäle fließt.
BRAVO: Du hast zwei Töchter und einen Sohn im Teenager-Alter.
Machst du dir Sorgen um sie?
Brian: Ja, ein bißchen. Aber ich habe meine Kids aufgeklärt, und
sie wissen über Safe Sex bescheid, wenn's mal soweit ist.
BRAVO: Dein Sohn Jimmy hält dich bestimmt auch auf dem laufenden,
was neue Bands und Sounds angeht!
Brian: Ja. ja, natürlich. Jimmy ist jetzt 14 und steht total auf
Grunge-Rocker wie Nirvana. Pearl Jam und die Red Hot Chili Peppers. Er
kennt sich bestens aus.
BRAVO: Hast du ihn zu den MTV Awards nach LA. mitgenommen?
Brian: Nein, und deshalb war er stinksauer auf mich, denn er hätte
seine Lieblingsbands mal geme kennengelemt. Ich wollte aber nicht, daß
er deswegen die Schule schwänzt. Du siehst, ich bin ein fürsorgender
Vater (grinst).
BRAVO: Träumt Jimmy von einer Rock'n'Roll-Kamere?
Brian: Das glaube ich nicht. Er spielt zwar ein bißchen Gitarre
und Schlagzeug. aber er interessiert sich auch sehr für Kampfsport.
z.B. Karate. Ich werde ihn später bei der Berufwahl nicht
beeinflussen. Er kann machen, was er will. Außerdem ist es ja nicht
einfach. Rockstar zu sein.
BRAVO: Deine aktuelle Solo-Single heißt „Too much Love will kill
you", ist aber keine Anspielung auf das exzessive Liebesleben
gewisser Leute, oder!?
Brian: Nein. nein Es geht hier nicht um Sex, sondern vielmehr um
verletzte Gefühle. Nach jeder Enttäuschung oder gescheiterten
Beziehung stirbt man ein bißchen. Der Song soll einfach aussagen, daß
es sehr gefährlich sein kann, wenn man einen Menschen zu sehr liebt.
BRAVO: Sprichst du aus Erfahrung?
Brian: (seufzt) Oh ja! Ich habe schon einige Enttäuschungen hinter
mir. Meine Ehe mit Chrissie ging 1989 in die Brüche. Wir haben
zusammen drei Kinder. Jimmy, Louisa und Emily. Sie leben bei der
Mutter. Unter der Trennung habe ich gelitten wie ein Hund. Ich war
total fertig.
BRAVO: Jetzt geht es dir aber wieder besser, oder!?
Brian: Ja. Jeder Schmerz hat auch mal ein Ende. Meine neue Liebe
Anita Dobson hat wieder einen glücklichen Menschen aus mir gemacht.
BRAVO: Wie fühlst du dich als Solo-Künstler?
Brian: Gut! Ein neuer Lebensabschnitt hat für mich begonnen. Ein
Leben nach Queen sozusagen. Momentan stelle ich eine Band zusammen,
und dann will ich endlich wieder on Tour gehen und werde natürlich
auch in Germany spielen.
BRAVO: Stört es dich, wenn du nicht - wie mit Queen - in den größten
Stadien spielen kannst?
Brian: Nicht im geringsten. Schließlich habe ich das alles bereits
erleben dürfen. Wir haben schon Anfang der 80er Jahre alle
Zuschauerrekorde in Südamerika gebrochen. haben in Europa in den größten
Stadien gespielt und waren 1986 die erste Band der Rock-Geschichte,
die im Ostblock aufgetreten ist und so weiter. Jetzt freue ich mich
auf Konzerte in kleinen Clubs. Das macht auch viel Spaß. |