Brian May: Freddie Litt Unter Höllischen Schmerzen

Bravo, 1992

BRAVO: Stimmt es, daß der Tod von Freddie Mercury auch die Queen-Ära beendete?

Brian May: Ja! Roger Taylor. John Deacon und ich können uns nicht vorstellen, jemals mit einem anderen Sänger aufzutreten. Die Band hat über zwanzig Jahre lang ohne einen einzigen Line-up-Wechsel überlebt. Wir haben gemeinsam alle Höhen und Tiefen gemeistert - es war für uns alle eine unvergeßliche Zeit. die leider viel zu früh zu Ende ging . .

BRAVO: Wann erfuhr Freddie, daß er HIV-positiv ist, und wann hat er euch über sein Schicksal aufgeklärt?

Brian: Er selbst erfuhr es 1987. nach der "Live Magic"-Tour. Zunächst hatte Freddie nur seine engsten Vertrauten eingeweiht. Das waren seine beste Freundin Mary Austin und Bandmanager Jim Beach. Uns sagte er bis 1989 nicht, daß er sich mit dem HIV-Virus infiziert hatte. um uns nicht zu verunsichern. Außerdem wollte er noch einige Pläne mit Oueen verwirklichen. Später gestand er, daß er sich nicht sicher war, wie wir auf seine Aids-Infizierung reagieren würden. Er hatte Angst, daß wir uns daraufhin von ihm trennen würden.

BRAVO: Was aber nicht geschah ...

Brian: Natürlich nicht. Schließlich sind wir vier nicht nur Bandkollegen, sondern auch Freunde - und Freunde läßt man nicht im Stich i

BRAVO: Bei den Aufnahmen zu den letzten LPs „The Miracle" und „Innuendo" war Freddie bereits todkrank. Schier unglaublich, mit welcher Power und Intensität er dennoch stimmlich schwierige Songs wie „The Show must go on" sang ...

Brian: Ja. das war wirklich unglaublich. Freddie war ein absoluter Pertektionist. Er hat sich nie geschont, egal ob im Studio oder auf der Bühne - immer gab er sein Bestes, und das verlangte er auch von uns. Während der Produktion von "Innuendo" litt Freddie unter höllischen Schmerzen, konnte manchmal tagelang nicht gehen, geschweige denn singen. Als es ihm dann wieder einigermaßen gut ging. kam er und sang weiter. Stück für Stück. Es war unfaßbar, wie tapfer er diese furchtbaren Schmerzen ertrug und bis zuletzt dem Tod trotzte.

BRAVO: Wie habt ihr reagiert, als euch Freddie einweihte?

Brian: Wir waren natürlich schockiert. Aber irgendwie hatte jeder von uns eine Vermutung. Die Presse hatte ja auch schon ein Jahr vor Freddies Abteben gemutmaßt. er habe Aids. Trotzdem sprachen wir ihn nie darauf an - vielleicht ja auch aus Angst, er würde die Gerüchte tatsächlich bestätigen. Es war uns klar, daß Queen so lange weiterbestehen würde. wie Freddie die Sache gesundheitlich bewältigen konnte und wollte. An Tourneen war natürlich seit 1987 nicht mehr zu denken Das tat Freddie sehr weh, denn er liebte große Auftritte vor vielen Fans.

BRAVO: Wie habt ihr euch Freddie gegenüber verhalten? Wart ihr extrem vorsichtig im persönlichen Umgang mit ihm?

Brian: Ich habe mir große Sorgen um Freddie gemacht, aber wir haben ihn ganz normal behandelt wie immer. Das ist das Beste, was man tun kann. Wir wollten nicht, daß sich Freddie wie ein Aussätziger fühlt. Einmal habe ich sogar aus seinem Glas getrunken. Da bekam ich von Freddie einen Anschiß. Er sagte, ich solle nichts riskieren. Freddies Krankheit hat die Band noch mehr zusammengeschweißt. Sein tragischer Tod hat uns sehr mitgenommen. Wir vermissen ihn!

BRAVO: Hast du einen Aids-Test gemacht?

Brian: Ja, hab'ich. Es war mein erster überhaupt, und ich war sehr besorgt, denn ich hatte früher auch mal ungeschützten Geschlechtsverkehr. Gott sei Dank fiel der Test negativ aus.

BRAVO: Was für ein Mensch war Freddie eigentlich? War er wirklich diese exzentrische Diva?

Brian: Er hatte sicherlich seine Macken und war auch ziemlich stur, wenn er sich mal eine Idee in den Kopf gesetzt hatte. aber man konnte gut mit ihm auskommen. Freddie war ein großer Diplomat, schlichtete oft Streits zwischen mir und Roger. Er war stets um Harmonie bemüht, hatte eine unglaubliche Energie und große Überzeugungskraft und bestimmte oft, wo's langgeht. Ich habe nie einen strebsameren. ehrgeizigeren Menschen erlebt. Schon sehr früh wußte Freddie, daß er etwas Besonderes schaffen wollte, daß er ein Star werden würde. Dieses Ziel hat er konsequent verfolgt - mit großem Erfolg.

BRAVO: Wurdest du auch zu Freddies Privat-Partys/Orgien eingeladen?

Brian: Nein, Freddie trennte Privatleben und Job. Er hatte einen sehr kleinen Freundeskreis. Ich wußte nur. daß Freddie seinen Freunden gegenüber immer sehr großzügig war. Er zahlte ihnen Flugtickets erster Klasse und machte teure Geschenke. Viele nutzten das aus. Sobald Freddie das bemerkte, kündigte er den betreffenden Personen die Freundschaft und sprach nie wieder ein Wort mit ihnen.

BRAVO: Die Frage, die die Queen-Fans am meisten interessiert, ist, ob es ein weiteres Queen-Album geben wird mit den Songs, die Freddie noch vor seinem Tod eingesungen hat?

Brian: Freddie hat in der Tat noch auf fünf, sechs Stücken gesungen, die wir nicht mehr für unser letztes Album "lnnuendo" verwendet haben. Wir planen, diese Songs zu veröffentlichen. Bisher steht aber noch kein Veröffentlichungs-termin fest, da wir die Stücke alle noch mal überarbeiten müssen.

BRAVO: Bei den MTV Video Awards hat Queen den Preis für den besten Song in einem Kinofilm („Bohemian Rhapsody" in „Wayne's World") gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!

Brian: Well, thank you! Es war eine große Ehre für uns. diesen Award im Namen von Freddie Mercury entgegenzunehmen. Freddie hatte seine wahre Freude an .Wayne's Worid" gehabt. Er hätte diesen Film geliebt. Freddie hatte einen großartigen Sinn für Humor.

BRAVO: Bei den MTV Awards habt ihr der Magie Johnson-Stiftung einen Scheck über 300.000 Dollar überreicht. Euer Aidshilfe-Programm geht also weiter!

Brian: Ja, es kommt immer noch Geld rein vom Freddie Mercury Tribute Konzert in London. Das geht an die Freddie Mercury-Stiftung, die Aids-Stationen in lokalen Krankenhäusern unterstützt. Vom Reinerlös der wiederveröffentlichten "Bohemian Rhapsody"-Single haben wir bereits über drei Millionen Mark an den Terence Higgins Trust, der die Aids-Forschung unterstützt, überwiesen. Wir achten sehr darauf, daß das Geld in die richtigen Kanäle fließt.

BRAVO: Du hast zwei Töchter und einen Sohn im Teenager-Alter. Machst du dir Sorgen um sie?

Brian: Ja, ein bißchen. Aber ich habe meine Kids aufgeklärt, und sie wissen über Safe Sex bescheid, wenn's mal soweit ist.

BRAVO: Dein Sohn Jimmy hält dich bestimmt auch auf dem laufenden, was neue Bands und Sounds angeht!

Brian: Ja. ja, natürlich. Jimmy ist jetzt 14 und steht total auf Grunge-Rocker wie Nirvana. Pearl Jam und die Red Hot Chili Peppers. Er kennt sich bestens aus.

BRAVO: Hast du ihn zu den MTV Awards nach LA. mitgenommen?

Brian: Nein, und deshalb war er stinksauer auf mich, denn er hätte seine Lieblingsbands mal geme kennengelemt. Ich wollte aber nicht, daß er deswegen die Schule schwänzt. Du siehst, ich bin ein fürsorgender Vater (grinst).

BRAVO: Träumt Jimmy von einer Rock'n'Roll-Kamere?

Brian: Das glaube ich nicht. Er spielt zwar ein bißchen Gitarre und Schlagzeug. aber er interessiert sich auch sehr für Kampfsport. z.B. Karate. Ich werde ihn später bei der Berufwahl nicht beeinflussen. Er kann machen, was er will. Außerdem ist es ja nicht einfach. Rockstar zu sein.

BRAVO: Deine aktuelle Solo-Single heißt „Too much Love will kill you", ist aber keine Anspielung auf das exzessive Liebesleben gewisser Leute, oder!?

Brian: Nein. nein Es geht hier nicht um Sex, sondern vielmehr um verletzte Gefühle. Nach jeder Enttäuschung oder gescheiterten Beziehung stirbt man ein bißchen. Der Song soll einfach aussagen, daß es sehr gefährlich sein kann, wenn man einen Menschen zu sehr liebt.

BRAVO: Sprichst du aus Erfahrung?

Brian: (seufzt) Oh ja! Ich habe schon einige Enttäuschungen hinter mir. Meine Ehe mit Chrissie ging 1989 in die Brüche. Wir haben zusammen drei Kinder. Jimmy, Louisa und Emily. Sie leben bei der Mutter. Unter der Trennung habe ich gelitten wie ein Hund. Ich war total fertig.

BRAVO: Jetzt geht es dir aber wieder besser, oder!?

Brian: Ja. Jeder Schmerz hat auch mal ein Ende. Meine neue Liebe Anita Dobson hat wieder einen glücklichen Menschen aus mir gemacht.

BRAVO: Wie fühlst du dich als Solo-Künstler?

Brian: Gut! Ein neuer Lebensabschnitt hat für mich begonnen. Ein Leben nach Queen sozusagen. Momentan stelle ich eine Band zusammen, und dann will ich endlich wieder on Tour gehen und werde natürlich auch in Germany spielen.

BRAVO: Stört es dich, wenn du nicht - wie mit Queen - in den größten Stadien spielen kannst?

Brian: Nicht im geringsten. Schließlich habe ich das alles bereits erleben dürfen. Wir haben schon Anfang der 80er Jahre alle Zuschauerrekorde in Südamerika gebrochen. haben in Europa in den größten Stadien gespielt und waren 1986 die erste Band der Rock-Geschichte, die im Ostblock aufgetreten ist und so weiter. Jetzt freue ich mich auf Konzerte in kleinen Clubs. Das macht auch viel Spaß.


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