Queen - Exklusiv-Interview

Popcorn, 1984

Zweifellos tragen Queen ihren Namen zurecht: An Englands Königin ranzukommen undein Interview zu kriegen, kann auch nicht schmieriger sein als bei Freddie Mercury (37). Insgesamt 14 (!) Monate arbeitete die POPCORN-Redaktion daran, Interviews mit allen vier Mitgliedern der Supergruppe zu bekommen. Es klappte schließlich im italienischen San Remo, wo Queen beim Festival im Februar ihren ersten öffentlichen Auftritt seit zwei Jahren absolvierten. Unsere Reporterin Gabriele Sneddon aus London nahm sich Freddie und Brian vor. Mariin Brem aus München sprach mit Roger und John. Wobei der extrem mißtrauische und scheue Queen-Sanger die Sache mit Abstand am spannendsten machte. Er läßt sich sogar bis zur Toilette von vier Leibwächtern hegleiten undgab für die drei Tage in San Remo die Parole aus, er „wünsche es nicht, angeschaut und angesprochen zu werden". Die leidgeprüfte Pressedame von Queen verriet: „Man darf mit Freddie nur sprechen, wenn er den Anfang macht. Manche enge Mitarbeiter der Gruppe waren schon zwei Jahre dabei, bis Freddie das erste direkte Wort an sie richtete. "Daß das POPCORN-Team derartiges Ansinnen gelassen über sich ergehen ließ, zahlte sich letztendlich aus: Was Queen über Privates (Freddie: „Ja, ich bin homosexuell"). Internes (Brian: „ Wir hatten uns beinahe getrennt") und Künftiges (Roger: „Ich will Gitarre spielen") erzählten, ist schlichtweg sensationell...

Warum hat es so lange gedauert, bis Queen wieder live auftraten?

Freddie: Wir hatten vorher fast zehn Jahre nonstop getourt, wir brauchten alte vier eine Paule von der Musik und Abstand voneinander. Vor allem ich hatte eine Schnaufpause nötig. Ich habe mir vor zwei Jahren eine Wohnung in New York gekauft und wollte endlich mal etwas Zeit dort verbringen. In New York leben alle meine besten Freunde wie David Hodo von den Village People.

Kürzlich hast du in Interviews zugegeben, homosexuell zu sein...

Freddie: Ja. ich bin schwul — na und? Ich gebe das genauso zu wie die Tatsache, daß ich kein besonders glücklicher Mensch bin. Ich bin eigentlich ein sehr sensibler, romantischer Typ. Doch ich wurde oft enttäuscht, mein Herz hat viele Narben. Heute gibt es für mich nur kurze Sex-Geschichten ohne Gefühle.

Dein Stimme personifiziert Queen. Tust da eigentlich etwas dafür — und wen bewunderst du selbst?

Freddie: Nein, das kommt alles ganz natürlich. Ich finde mich auch gar nicht so besonders gut. Aretha Franklin hat zum Beispiel eine viel bessere Stimme als ich. Aber dafür muß man schwarz sein.

Geniefit du es, ein Superstar zu sein?

Freddie: Ja, das Tolle ist, daß man mit allen Mädchen ins Bett gehen kann (lacht).

Was ist euer Geheimnis für zwölf Jahre Erfolg?

Freddie: Zwölf Jahre sind es schon, wirklich kaum zu glauben. ich glaube, wir sind ein gutes Team. Wir haben den gleichen Sinn für Abwechslung und Veränderung, aber gleichzeitig auch gewisses Traditionsbewußtsein.

Wie lange wirst du noch weitermachen?

Freddie: Oh. ich werde noch mit 50 ein Macho-Sexsymbol sein. Wartet nur ab, ich werde noch im Rollstuhl auf die Bühne kommen (lacht).

Wie teilt ihr eigentlich euer Geld auf?

Freddie: Wir seilen alles redlich durch vier- Aber da ich die meisten Songs schreibe, kriege ich natürlich obendrein noch Autoren-Tantiemen. Ich bin ja schließlich auch die Königsbiene (lacht).

Du hast mal eine Single mit David Bowie aufgenommen. Planst du weitere Duette?

Freddie: ja, ich arbeite mit Michael Jackson an einem Song — aber wir sind beide so beschäftigt:, daß wir ihn nie fertigmachen. Außerdem habe ich was mit: Rod Stewart a u r genommen — ist aber auch noch nicht perfekt.

Werden die beiden auf deinem kominenden Solo-Album dabei sein?

Freddie: Ja, und ich hoffe, daß noch weitere Gäste dazukommen. Es soll ein buntes Programm aller möglichen Stilrichtungen werden. Ich will im April mit den Studioaufnahmen beginnen, im Sommer soll alles fertig sein.

Du hast gersten Boy George getrpffen. Magst du ihn?

Freddie: Ja, ich schätze ihn sehr. Ich bewundert; seine Intelligenz und seinen Mut. Boy George ist eine brillante Persönlichkeit, die sehr viel für sexuelle Toleranz tut.

Roger, du hast „Radio Ga Ga" geschrieben. Was hast du dir bei dem Titel gedacht?

Roger: Eigentlich sollte der Song noch etwas zynischer „Radio Ka Ka" heißen — es ist ein Anti-Video-Song. Musik sollte ja eigentlich was für die Ohren sein, aber es wird immer mehr zu einer optischen Sache. Wer ein gutes Video hat, hat auch den Hit. Das halte ich für pervers.

Wie kommt es, daß die neue Queen-Single nicht von Freddie oder Brian, sondern von dir stammt?

Roger: Es ist eine komische Geschichte. Als wir in Los Angeles für das Queen-Album „The Works" arbeiteten, habe ich mir nebenan noch ein eigenes Studio tür meine nächste Solo-LP gemietet. Dort habe ich drei Tage an „Radio Ga Ga" gebastelt. als die anderen ihre Nase reinsteckten und stutzig wurden. Brian kam und spielte Gitarre drauf, John hatte eine gute Baßlinie dafür und auch Freddie fahr voll drauf ab. So würde es ein Queen-Song

Wie findest du das neue Queen Album?

Roger: Ich stehe drauf, da ist nicht soviel Funk-Zeug drauf wie bei „Another One bites the Dust", das ich noch heute total beschissen finde. Ich bin froh, daß wir mit „The Works" wieder das bringen, was viele Queen-Fans an uns mögen: Schwerer Rock, Melodie, Power, Harmonie, Chorsätze.

Wann erscheint deine Soloplatte?

Roger: Im April, sie wird „Strange Frontier" heißen. Wie der Tirel (dt: Fremder Soldat) schon andeutet, wird's wenig Liebeslieder geben. Dafür wird viel gegen Atomkraft und Raketen zu finden sein. Ich bin nämlich engagiertes Mitglied von CND, einer Anti-AKW-Vereinigung in England.

Was darf man musikalisch erwarten?

Roger: Es wird erwas moderner werden als mem erstes Solo-album. Zwei Cover-Versionen sind auch dabei: „Racing in the Streets" von Bruce Springsteen und "Master Of War", ein Klassiker von Bob Dylan, der heute wieder sehr aktuell ist.

Bist du eigentlich zufrieden, „nur" Drummer zu sein?

Roger: Nein, absolut nicht. Hinter den Drums wird's mir echt langweilig, ich habe tierische Lust. mit eigenem Programm auf Tour zu gehen. ich an der Gitarre, da würde ich herumspringen und Action machen wie Superman (lacht). Aber Queen hat natürlich Vorrang, also wird's mit der Solo-Tour noch dauern.

Stehst du drauf, berühmt zu sein?

Roger: Nach zwölf Jahren hast du dich an alles gewöhnt. Man ich genug Geld habe, um mir alles zu leisten. Reisen, in der Sonne liegen, Skifahren...

Brian, warum heiße euer neues Album „The Works"?

Brian: Der Titel ist doppeldeutig — er kann zum einen Maschinen, also Technik, bedeuten oder aber auch Werke im Sinn von gesammelten Werken eines Schriftstellers. Ich glaube, wir sind mit dem Album wieder dem originalen Queen-Stil näher gekommen. Also in Richtung „Night in the Opera/News ot the World". Es ist härter, nicht leicht zum Anhören und voller Überraschungen.

Während die Musikszene immer mehr von der Elektronik beherrscht wird, setzt ihr auf Rock-Gitarren...

Brian: Ja, die Gitarre feiert auf diesem Album ein großartiges Comeback. Wir sind uns der neuen Technologie bewußt, aber die Gitarre wird immer bleiben — auch wenn sie vielleicht anders cmgesetzt wird. Wir haben diesen Konflikt im Titel „Machines World" dargestellt — da kämpft die Rock-Gitarre gegen Synthesizer.

Ihr habt zuerst in Los Angeies gearbeitet, seid dann aber wieder ins Münchner „Musicland Studio" zurückgekehrt. Warum?

Brian: In Amerika haben wir noch nie aufgenommen und wollten es einfach mal probieren. Aber München ist doch unsere Heimat. Wir kennen dort jede Ecke. jeden Sound, jedes Gerät. Das ist vor allem in der Endphase sehr wichtig, denn jedes Studio hat teine Nuancen. Wir lieben „Musicland", weil wir es von oben bis unten kennen.

Bist du mit „The Works" rundum zufrieden?

Brian: Nein. ich bin mit keinem unserer Alben restlos zufrieden. Man kann immer noch etwas besser machen — und das ist ja eigentlich auch die treibende Kraft.

Wie lange habt ihr für das Album gebraucht?

Brian: Viel langer als geplant. Wir hatten schon alles in sechs Wochen in Amerika aufgenommen, als wir uns beim. Anhörren überlegten, zwei Songs wegzulassen und zwei neue autzunehmen. So haben wir insgesamt drei bis vier Monaco gebrauch.

Wie stehst du zum Thema Videos?

Brian: Wir waren mit „Bohemian Rapsody" die erste Band überhaupt, die ein richtiges Video produzierte. Ohne Video gehe heute gar nichts mehr und man ertappt sich dabei. Songs im Hinblick auf den Video-Aspekt hin zu schreiben. Es ist eine doppelbödige Sache.

Wie steht es mit einer Tournee?

Brian: Wir wollen diesmal erst sehen, wie das Album verkauft. Daß wir auf Tournee gehen, steht fest — aber mehr, wann und wo und wie lange. Wir haben schon ein Mini-Modell unserer neuen Bühne, die zusammen mit den Effekten noch besser aussehen soll als alles vorher. Wir werden Motive aus dem Fritz Lang-Film „Metropolis" verwenden, die ja teilweise auch im Video von "Radio Ga Ga" zu sehen sind.

Es gibt Trennungsgerüchte. Was ist dran?

Brian: Ja, wir wollten uns ein paarmal während der Studioaufnahmen trennen, aber das passiert jedesmal. Wenn's nicht so wäre, würde uns was fehlen. Wir sind schließlich engagierte Musiker.

John, du bist der Stillste von Queen. Verrate doch einmal, wer bei euch den Ton angibt?

John: Nun ja, Freddie ist in gewisser Weise schon sehr dominierend, stark und überzeugend. Brian hat auch eine Menga zu sagen, da er als Musiker einer der besten überhaupt ist. Roger gibt auch seinen Senf dazu, während ich mich eher zurückhalte. Ich bin tatsächlich der ruhige Typ, der die Dinge von unten her angeht.

Was findest du persönlich an Queen bemerkenswert?

John: Daß wir es geschafft haben, als vier individuelle Persönlichkeiten mit ganz verschiedenen Stilrichtungen akzeptiert zu werden. Unsere gesamte Konkurrenz hat ein bestimmtes Image, der jedes Mitglied anterworfen ist- Bei ans kann jeder tun und lassen, was er will — und dennoch bleiben wir Queen!

Fühlst du dich mehr als Businessman?

John: Ich bin in erster Linie Musiker, auch wenn ich mich von uns am meisten um die finanzielle Seite kümmere. Man darf nie aus dem Auge lassen, daß hinter allem, was wir machen, sehr viel Geld steckt. Ich sehe meine Aufgabe in erster Linie darin, der Gruppe den Rücken freizuhalten, daß sie künstlerisch den absoluten Freiraum hat.

Wird Queen bei eurem Aufwand bald eine Gruppe sein, die nur noch in riesigen Stadien spielen kann?

John: Nein, wir mögen Stadien nicht, weil man dann Videowände einsetzen muß und die Leute automatisch auf die Leinwand starren und nicht auf die Bühne. Das ist nicht Sinn der Sache. Wir fühlen uns am wohlsten in Hallen zwischen 10000 und 15000 Leuten.


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